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Ein technisches Denkmal

Arbeitseinsatz

 

 

Die wechselvolle Geschichte der 64 317            
                                          
„Eine schöne Überraschung zum Stadtjubiläum hatten sich die Eisenbahner einfallen lassen. Sie schufen vor dem Kulturhaus Völkerfreundschaft ein technisches Denkmal.“ So stand es in einem Bildreport der örtlichen Presse vom 16. Juni 1978, vier Wochen vor dem 725. Jahrestag der Verleihung des Stadtrechtes an Frankfurt (Oder). Es war das Ergebnis umfangreicher Bemühungen vieler Eisenbahner auf diese Weise an die alten Dampflokzeiten zu erinnern. Es bestand schon seit einigen Jahren im Bahnbetriebswerk (Bw) die Absicht, eine Dampflokomotive vor dem Kulturhaus der Eisenbahner aufzustellen. Als Anfang 1976 die Frankfurter Hafenbahn in der Presse über die Außerbetriebsetzung ihrer beiden Dampfrösser berichtete, war das erneut Anlass, über das Vorhaben nachzudenken. Versuche, an eine Lok der Baureihe 89 heranzukommen, waren vergeblich. Auch die Beschaffung einer Lok der Baureihe 38, die sich viele Jahrzehnte im Frankfurter Reisezugbetrieb außerordentlich bewährt hat, mißlang. Es war schon fast zu spät, eine Lok zu organisieren. Über die Bemühungen war auch ein Mitarbeiter der Abteilung Triebfahrzeugunterhaltung des Ministeriums für Verkehrswesen unterrichtet. Er konnte zunächst nicht helfen. Im Dezember 1976 kam jedoch überraschend die Nachricht, dass im Reichsbahnausbesserungswerk Berlin-Schöneweide die 64 317 steht, welche laut Unterlagen schon verschrottet sein sollte. Mit Unterstützung des Bw Berlin-Schöneweide wurde sie unkompliziert nach Frankfurt (Oder) geholt. Doch dann stand sie recht trostlos ein Jahr lang im Bw am Kohlebansen. Keiner glaubte mehr so recht an das Gelingen des Vorhabens. Trotz mehrfacher Anträge an den Präsidenten der Reichsbahndirektion (Rbd) Berlin wurde keine Genehmigung zum Herrichten der Lok erteilt. Die Rbd Berlin hatte ihr Schrottsoll nicht erfüllt. Ein Brief des Frankfurter Oberbürgermeisters bereitete den Boden. Der Vizepräsident für Ökonomie gab am 6. Dezember 1977, nur wenige Tage vor seinem Ruhestand, die Erlaubnis zur Aufnahme der Arbeiten. Die Lok wurde nun in die Werkstatt gebracht, soweit, wie erforderlich, zerlegt. Alle abnehmbaren Teile und Außenflächen wurden vom damaligen VEB Korrosionsschutz mit einem Kostenaufwand von 22 000 Mark abgestrahlt und mit einem dreifachen Anstrich versehen. Fehlende Teile mußten aus verschiedenen Werkstätten der Deutschen Reichsbahn zusammengeholt werden. Am 7. Juni 1978 war es dann soweit. Auf dem Schienenwege erfolgte die Überführung bis zu einem Anschlussgleis in der Schubertstraße am Stadtrand. Am nächsten Tag wurde die Lok mit einem Tieflader und zwei Zugmaschinen vom Kraftwagenbahnbetriebswerk (Kbw) Berlin-Pankow und einem Kostenaufwand von 2500 Mark zum Kulturhaus Völkerfreundschaft transportiert. Schräg zum endgültigen, vom Stadtarchitekten bestätigten, Standort verlegte die Bahnmeisterei Frankfurt (Oder) ein weiteres Gleis, auf das die Lok mit der Seilwinde einer Zugmaschine hinaufgezogen wurde. Noch am gleichen Tage erledigte die Frankfurter Hilfszugmannschaft mit Aufgleisgeräten das seitliche Umsetzen auf die mit einem Gleisjoch versehene Betonplatte. In der Folgezeit wurden fehlende Teile, vor allem die Lokschilder ersetzt. Nachdem Anfang 1983 die drei Jahre zuvor bei einer Firma bestellten drei Glasvitrinen endlich geliefert wurden und neben der Lok ihren Platz erhalten hatten, konnte ausführlich über die 64 317 informiert werden: Sie wurde von der Friedrich Krupp A.G. Lokomotivfabrik Essen mit der Fabriknummer 1320 hergestellt und am 18. Juli 1934 an die DRG ausgeliefert.Laut Betriebsbuch hatte sie folgende Heimatdienststellen:


22.07.1934    -   12.03.1944     Bw Leipzig Bayrischer Bahnhof
13.03.1944    -   07.11.1946     Standorte nicht exakt nachweisbar
08.11.1946    -   10.07.1949     Bw Erkner
11.07.1949    -    31.08.1950    Bw Berlin - Rummelsburg
01.09.1950    -    31.12.1955    Bw Erkner
01.01.1956    -    02.08.1957    Bw Frankfurt (Oder) Personenbahnhof
03.08.1957    -    31.05.1976    Bw Berlin - Pankow
01.06.1976                                Triebfahrzeugschadpark (z)
01.05.1978                                Bw Frankfurt (Oder)

Die Heimatdienststelle Bw Frankfurt (Oder) existiert nicht mehr. Am 29.10.1993 wurde der Lokschuppen Personenbahnhof endgültig stillgelegt und im Herbst 1996 die Instandhaltung im Lokschuppen Rangierbahnhof beendet. Mit der Umsetzung der letzten Frankfurter Lokomotive am 16.11.1995 nach Berlin-Pankow gibt es nach 153 Jahren keine in der Oderstadt beheimatete betriebsfähige Lokomotive mehr.  Nur die 64 317, ein beliebtes Fotoobjekt in unserer Region, ist uns geblieben. Inzwischen steht sie allerdings nicht mehr auf ihrem Platz. Der Komplex Kulturhaus Völkerfreundschaft sollte vermarktet werden. In einer letzten großen Gemeinschaftsaktion der Frankfurter Eisenbahner wurde sie am 13./14. Oktober 1995 zum Personenbahnhof umgesetzt. Dort kündet sie stumm von einer Zeit, in der täglich dutzende von Dampflokomotiven die Bahnsteighallen durchfuhren. Zuständig war jetzt der Geschäftsbereich Personenbahnhöfe, Niederlassung Frankfurt (Oder). In ihrem Auftrag erfolgten Ende 1997 letztmalige durch Handwerker vom Bereich Cargo Instandsetzungs-, Pflege- und Anstricharbeiten an der 64 317.
Nach der Wende gab es mehrere Anfragen und Forderungen zur Abgabe der Lok. Der Druck wurde immer stärker. Die Frankfurter Eisenbahnfreunde mussten nun den neuen Bedingungen Rechnung tragen und sich zusammenschließen. Am 23.10.2003 wurde die Kultur- und Freizeitgruppe des BSW „Traditionspflege Eisenbahnknoten Frankfurt (Oder)“ gebildet und nach Klärung aller Fragen am 16.08.2004 eine Vereinbarung über die Pflege der 64 317 unterzeichnet. Den ersten gemeinsamen Einsatz zur Lokpflege und Säuberung des Umfeldes gab es am 28.10.2004. Die Lokbeleuchtung wurde überholt und ein zusätzlicher Scheinwerfer, zum Anstrahlen der Lok in der Vorweihnachtszeit, installiert.
Im vergangenen Jahr erfolgten Entrostungs- und Anstricharbeiten. Die Lokschilder wurden demontiert, aufgearbeitet und entwendete teilweise ersetzt. Es fehlen immer noch die beiden Gattungsschilder. Wer kann uns bei der Beschaffung helfen? 
In Vorbereitung auf das Bahnhofsfest am 9. September 2007 erfolgten das Auswechseln der Fußbodenbretter auf dem Führerstand.
Im Sommer 2012 sind an der Lok umfangreiche Malerarbeiten durchgeführt worden. Der Kessel, das Triebwerk sowie Führerstand und Tender sind nun in einem optisch guten Zustand.
Im Jahr 2013 nahmen wir uns die Technik vor. Den Besuchern soll die Bedienung einer Dampflok vorgeführt werden können.
Die seitlichen Schieberfenster wurden gangbar gemacht und das Glas der Fenster ausgetauscht.

Die Stirnfenster lassen sich ebenfalls wieder öffnen.
Eine große Herausforderung war es, die Steuerung gangbar zu bekommen. Besucher können jetzt nachvollziehen, wie eine Dampflok vor- und rückwärts gesteuert wird.
Sandstreuer und Schlammabscheider können bedient werden.
Die fehlenden Teile der Dampfpfeife wurden aufgearbeitet und angebaut.  
2014 sind an allen Türen und Klappen die Schlösser aufgearbeitet worden.
Die Hebel und Handräder auf dem Führerstand sind originalgetreu hergerichtet und mit einem neuen Farbanstrich versehen worden.
2015 wollen wir uns das Innenleben der Lok vornehmen. Die Überreste des Kessels werden gereinigt und mit Licht ausgestattet. So ist durch die Feuerung oder bei geöffneter Rauchkammertür von dort das Innenleben der Lok sichtbar.

Eine der drei Vitrinen, die bis 1995 neben der Lok standen, wurde von den Eisenbahnfreunden aufgearbeitet, durch ein neues Untergestell ergänzt und vor dem Empfangsgebäude der Oderstadt aufgestellt. Seit dem 28. August 2006 ist sie mit neuen Ausstellungselementen versehen. Fotos, Texte und alte Dokumente werden künftig wieder über das technische Denkmal und das Wirken der Frankfurter Eisenbahnfreunde berichten.


Lothar Meyer/Detlef Malzahn Frankfurt (Oder)

 

 

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