AWG-Wohnsiedlung der Eisenbahner: damals und heute

Nach dem 2. Weltkrieg forderte die Sowjetunion eine Wiedergutmachung für die Verwüstung im Lande durch Reparationsleistungen. Die sowjetische Militäradministration beschlagnahmte Fabriken und Güter und transportierte sie mit Zügen im Pendelverkehr in die SU.   Besonders gebildete deutsche Lokkolonnen hatten diese Züge bis an die sowjetische Grenze zu befördern. Um diese Transporte bewältigen zu können wurden aus der gesamten sowjetischen Besatzungszone Eisenbahner nach Frankfurt (Oder) abkommandiert.  In den Spitzenzeiten waren im Dienstort bis zu 2000 Eisenbahner stationiert. 
Ab 01. Januar 1954 wurden die Reparationsforderungen eingestellt. An ihrer Stelle trat ein vertraglich geregelter Warenaustausch mit der UdSSR. Aus diesem Anlass übernahm die polnische Staatsbahn die Transportleistungen durch Polen.
Die im Kolonnendienst tätigen Eisenbahner mussten sich nun entscheiden, zurück nach Hause oder in Frankfurt bleiben. Ein großer Teil der Eisenbahner blieb hier, weil in dieser Zeit viele eine Frau gefunden und eine Familie gegründet hatten. Daraus ergab sich ein großer Wohnungsbedarf in der Stadt.
Auf Drängen der Eisenbahn wurde deshalb 1954 die AWG „Einheit und Frieden“ und 1957 die AWG „Solidarität“ gegründet. Vordringliche Aufgabe dieser Genossenschaften war es Wohnraum für Eisenbahner zu schaffen.

Aus Pressemitteilungen war zu entnehmen, dass die ersten Eisenbahner 1956 Mitglieder der AWG wurden. Die ersten Aufbaustunden wurden auf einer Baustelle außerhalb der AWG in der Wieckestraße und auf dem Wieckeplatz geleistet. Die dort geleisteten Stunden wurden den AWG-Mitgliedern auf ihr Konto angerechnet.  Danach ging es in der Zschokkestraße weiter.  Die Mitglieder mussten je nach Größe der künftigen Wohnung zwischen 600 und 800 Aufbaustunden leisten.

 

Ich wurde am 6.12.1957 AWG-Mitglied und sofort in den Vorstand gewählt. Die Aufbaustunden leistete ich zunächst im östlichen Teil der Zschokkestraße ab, wobei überwiegend Erdarbeiten auszuführen waren. Nach getaner Arbeit sahen wir uns die fast fertigen Häuser an, waren angenehm überrascht von der Attraktivität der Gebäude und hofften, diese auch in der Rathenaustraße vorzufinden. Die Lage in der Zschokkestraße war günstig, alle Balkone nach Süden ausgerichtet und kaum Straßenverkehr. Günter Hähn erreichte, dass auf der gegenüber liegenden Straßenseite ein großer Parkplatz für Pkw geschaffen wurde.


Einer der ersten Bewohner der Zschokkestraße war der nach Frankfurt (Oder) delegierte Heinrich Möller, Vorsteher des Transit-Bahnbetriebswerkes Frankfurt (Oder) Verschiebebahnhof. Ich habe ihn in guter Erinnerung. Als ich mein Studium zum Ingenieur für Maschinenbau in Dresden begann, bekam ich dort ein Stipendium, welches höher war als in anderen Bereichen. Bereits nach kurzer Zeit wurde es deshalb heruntergesetzt. Zu dieser Zeit unterstützte ich meine behinderte Mutter mit einem Teil des Geldes, weil sie keine Rente, sondern nur für unsere an die LPG übergebene Landwirtschaft 700 Mark Pacht im Jahr erhielt. Mit dem abgesenkten Stipendium war dieses nun nicht mehr möglich. Bei der nächsten Heimfahrt ging ich zu meinem Chef Heinrich Möller und schilderte ihm das Problem. Er zog seine Brieftasche aus der Jacke, gab mir 50 Mark und sagte: „Junge, du bekommst nun monatlich diese Summe bis zum erfolgreichen Abschluss deines Studiums.“


Der verstärkte Zugang von Eisenbahnern aus dem technischen Bereich in der AWG hatte zur Folge, dass auch komplizierte Aufgaben erledigt werden konnten. In einem Bericht vom April 1959 hieß es: „... wurden im Bahnbetriebswerk für Wohnbauten in der Zschokkestraße sechs Kellertreppengeländer mit Zubehör und zwei für den hinteren Eingang angefertigt. Das benötigte Material wird der AWG kostenlos zur Verfügung gestellt...“. Das Bahnbetriebswerk war inzwischen Patenbetrieb der AWG geworden.


Nach der Verschmelzung der zwei Genossenschaften zur AWG „Friedensgrenze“ war meine Mitarbeit im Vorstand nicht mehr erforderlich. Man bat mich jedoch um die Übernahme der Dokumentation der Arbeitseinsätze aller AWG-Mitglieder.

Es folgten Erd- und Transportarbeiten für die Baustelle Rathenaustraße. Im Keller haben wir den Fußboden gelegt und Wände gestrichen. Auch heute wäre wieder einmal ein Anstrich im Keller und Treppenhaus erforderlich. Kürzlich habe ich, nach alter Gewohnheit, selbst eine stark verschmutzte Fläche gestrichen.
Als wir bei einem Arbeitseinsatz mit sechs Personen die Grundmauern des Hauses Rathenaustraße 55 sahen, waren wir der Auffassung, dass die Wohnungen zu klein seien. Einige Mitglieder hatten bereits mehr als ein Kind und ich wollte ein Arbeitszimmer einrichten. Unsere Erkenntnisse teilten wir dem Vorstand mit. Es dauerte nicht lange, bis ein Projekt für das Haus 61 erstellt wurde, welches vorsah, diesen Aufgang mit zwei/zwei halben anstatt mit zwei/ein halbes Zimmer auszustatten. Ich fühlte mich von Beginn an sehr wohl in meiner neuen Wohnung. Meine Tochter war glücklich über ein eigenes Zimmer und ich hatte genügend Platz für meine reichlich gesammelten Unterlagen zum Thema Eisenbahn.


Insgesamt entstanden in der Rathenaustraße 54 und in der Zschokkestraße 36 Wohnungen, die zunächst durch Eisenbahner bewohnt waren, heute sind dies nur noch 15.


Auf der Fläche hinter unserem Haus waren entsprechend dem Projekt ein Kinderspielplatz hinter Haus 61 und ein weiterer hinter Haus 57 eingerichtet worden. Der Sand aus den Spielkästen musste jährlich gewechselt werden. Weil ein Kraftfahrzeug den Weg dorthin nicht passieren konnte, habe ich den Sand hinter Haus 61 so weit transportiert, dass er mit einem Fahrzeug problemlos abgefahren werden konnte. Dennoch wurde der Spielplatz zwei Jahre später gesperrt. Daraufhin bepflanzte ich die Fläche mit Blumen. Schließlich erhielt ich vom Lokführer Bernhard Küste aus Haus 62 eine kleine Eiche, der er den Namen seines Sohnes „Denise“ gab. Die Eiche wuchs nun auf dem ehemaligen Spielplatz zu einem prächtigen Baum heran. Vom VEB Grünanlagen habe ich die Genehmigung erhalten, um die Eiche zwei Sitzbänke aufzustellen. Die Stützeinrichtungen erhielt ich vom Frankfurter Friedhof und die Sitzflächen aus Holz vom Bahnbetriebswerk.

 


Inzwischen haben junge Leute die Fläche um „Denise“ herum gesäubert und einen neuen Anstrich der Bänke erreicht. Ich habe mich dafür bei ihnen bedankt. Die Treppe zur „Denise“ muss allerdings noch mit einem Handlauf ausgerüstet werden.
Die vermauerten Platten für den zweiten Spielplatz waren kurz nach der Sperrung geplündert worden. Daher ließen sich hier keine Bänke aufstellen. Dennoch sollte diese Fläche wieder als ein Spielplatz mit Schaukel und Klettergerüst für die Kinder nutzbar gemacht werden.


1963 erhielt ich Kenntnis von 19 Bewerbungen für Pkw-Garagen, die auf dem Hofgelände errichtet werden sollten. Erst später erhielt ich eine Skizze der geplanten Bebauung, die bei Umsetzung das Hofgelände verunstaltet hätte. Daher war ich sehr froh, dass dieses Vorhaben damals nicht realisiert wurde.


Für das Mähen der Flächen hinter den Wohngebäuden wurden vom VEB Grünanlagen einige Rasenmäher zur Verfügung gestellt. Zunächst freiwillig, später mit Vergütung wurden diese von den Anwohnern genutzt.1986 gab es dazu 22 Verträge mit VEB Grünanlagen.
Hinter den Wäschegerüsten gibt es einen abgetrennten Bereich, der nach Aussage des Nutzers Niemandsland ist. Der Zaun hinterlässt einen maroden Eindruck und müsste gewechselt werden.


Auch ein seit längerer Zeit verbogenes Wäschegerüst sollte endlich gerichtet werden, und das Gelände der ehemaligen Bäckerei Rusche entwickelt sich immer mehr zum Schandfleck.
Ein weiteres Problem ist im Haus 61 der abgenutzte Fußboden im Dachgeschoss.
Die Grünfläche vor Haus 61 war von einem Kollegen nicht ordentlich gestaltet worden. Er hatte Bauschutt vergraben, versehen mit einer dünnen Schicht von Mutterboden, worauf das Gras nur spärlich wuchs. Hartmut Priewisch und ich haben vom 24.8 bis 20.9.1989 diese Fläche saniert.
Sehr geärgert hat mich, dass die für unser Bad vorgesehenen und im Keller zwischengelagerten Fliesen nach kurzer Zeit verschwunden waren.


Viele Eingaben und Kritiken gab es zum Bürgersteig der Rathenaustraße. Auch ich habe mich am 12.8.2002 mit einer Eingabe an den Oberbürgermeister und am 19.12.2005 mit einem Schreiben an das Ordnungsamt daran beteiligt. Beides war ohne Erfolg. Inzwischen ist der Weg hergerichtet worden. Die vereinfachte Ausführung mit Wölbungen bietet jedoch nach wie vor eine Sturzgefahr für Fußgänger und Radfahrer.
Die Fahrbahn auf der Straße ist so gut, dass einige Kraftfahrer schneller fahren als erlaubt. Es wäre daher gut, einen Fußgängerüberweg einzurichten.


Besonders wertvoll für die Gesundheit ist die 1970 errichtete Schwimmhalle. Meine Frau und ich wurden sofort Mitglied im Eisenbahnerschwimmverein und nutzen das Angebot regelmäßig. Die Schwimmhalle ist nun 50 Jahre alt, eine Grundsanierung oder ein Neubau wäre angebracht.
Die wichtigsten Pflege- und Reinigungsarbeiten in und um die Häuser werden nun durch einschlägige Betriebe erledigt. Dennoch sollten wird selbst auch auf Ordnung, Sauberkeit und Sicherheit achten.


Die Beziehungen der Bewohner zueinander waren recht gut. Die Eisenbahner kannten sich von der Arbeit, Feste wurden oft gemeinsam gefeiert. Der Schichtdienst verlangte gegenseitige Rücksichtnahme im Haus. Als ich in den ersten Jahren eines Tages im Keller Briketts stapelte, fiel der Stapel um und der Lokführer Ernst Mutke erwachte aus seinem Schlaf. Seine Frau beklagte sich anschließend bei mir. Dennoch sind wir Freunde geblieben.


Erstbezug im Jahr 1960 im Aufgang Nummer 61:
Familie Ernst Mutke
Familie Hans Reißig
Familie Elli Carl
Familie Lothar Meyer
Familie Hans Stark
Familie Prof. Dr. Karl Burkhard

             

 

      

Autor:  Lothar Meyer