Bahnbetriebswagenwerk Frankfurt (Oder)

Am Ende des Krieges verblieben im Streckennetz in der sowjetischen Besatzungszone nur 19 Prozent der Güterwagen und 22 Prozent der Reisezugwagen des früheren Reichsbahnbestandes. Nur 80 bzw. 40 Prozent waren einsatzfähig. Der katastrophalen Lage konnte man zunächst auch in Frankfurt nur mit notwendigsten Reparaturen begegnen. Unter freiem Himmel wurden tagsüber in zwölf Stundenschichten Wagen repariert und, soweit überhaupt, gewartet. Die Situation verschärfte sich, als die Transporte entlassener deutscher Kriegsgefangener aus der Sowjetunion zum Quarantänelager Gronenfelde (ab 27. Juli 1946 »Heimkehrerlager Gronenfelde«) zunahmen. Mit diesen Zügen liefen viele Schadwagen zu, die für den Weitertransport der Heimkehrer benötigt wurden. Durch die Rbd Berlin wurde deshalb der im Raw Delitzsch für die Wagenreparatur zusammengestellte Eisenbahnausbesserrungszug (EAZ) 9 nach Frankfurt beordert. Mit 71 Handwerkern und Hilfskräften traf er am 5. Februar 1946 ein. Für die Neubeholzung offener Güterwagen und zur Verschalung der Fenster und Türen bei Reisezugwagen mit Brettern und jeweils einer kleinen Glasscheibe wurde 1946/47 das Frankfurter Sägewerk Schmidt/Rosengarten, das einen Gleisanschluss besaß, einbezogen. Die weitere Entwicklung des Eisenbahntransportes erforderte jedoch größere Reparaturkapazitäten. Unter der Leitung des Werkmeisters Hermann Nimmergut wurde der leerstehende Lokschuppen auf dem Verschiebebahnhof für die Wagenreparatur eingerichtet. Am 1. November 1947 nahm das Bww seinen Betrieb als selbständige Dienststelle auf (vorher gehörte die Wagenausbesserung zum Bw). Ein Teil der Arbeitskräfte vom EAZ 9, der nun abgezogen wurde, eine Handwerkergruppe aus der Osthalle auf dem Gelände der ehemaligen Hauptwerkstatt und die Wagenmeister bildeten die Belegschaft mit rd. 120 Beschäftigten. Da für die Reparatur der Güterwagen kaum Material von den Reichsbahnausbesserungswerken zugeführt wurde, organisierten die Eisenbahner selbst welches im Umfeld. Für den Materialtransport entstand in Eigeninitiative die Straßenzufahrt von der Birnbaumsmühle zwischen den Brücken zum Lokschuppen. Im Zusammenhang mit dem Aufbau des Transit-Bahnbetriebswerkes Verschiebebahnhof Frankfurt (Oder) musste 1950 der Lokschuppen geräumt werden. Das Bww wurde in die Osthalle verlegt und die Verwaltung zog in das Gebäude der ehemaligen Stationskasse. Als Betriebsteile gehörten nun auch die Wagenreinigung auf dem Personenbahnhof, wo die Reinigungsarbeiten noch mit Besen und Lumpen erfolgten, und die Wagenwäsche Verschiebebahnhof dazu. Letztere befand sich seit 1914 in unmittelbarer Nähe des Stellwerkes Fgf (Betonfläche im
Bereich der Gleise 126 und 127, Heiz- und Maschinenhaus sowie Werkstatt). Hier erfolgte die manuelle Reinigung der Güterwagen mit warmem oder kaltem Wasser überwiegend nach Viehtransporten. Es gab auch Versuche diese Arbeiten mit Sprühköpfen zu erledigen. Der angefallene Dung wurde zunächst im Dungbansen gelagert und zum Abtransport mit einem kleinen Rollwagen über Gleis 127 zum Dungkran gefahren, wo die Verladung auf Flachwagen erfolgte.
In den ersten Jahren nach 1945, etwa ab 1948, wurden dort bis zu 60 Mitarbeiter beschäftigt, weil nicht nur Güterwagen gewaschen, sondern auch komplette sowjetische Urlauberzüge gereinigt und gewartet wurden. Eine Generalreparatur der Wagenwäsche ist nach den Unterlagen der ehemaligen Frankfurter Hochbaumeisterei 1952 nachgewiesen.
Ab etwa 1970 war im Maschinengebäude auch eine Druckluftanlage für die Bremsprüfung (Fgs und Fgr) eingerichtet. Zur Senkung des Schadwagenbestandes erfolgte von 1985 bis 1989 auf einem der beiden Gleise die Ausbesserung von täglich 15 bis 20 Güterwagen. Seit 1990 ist die Wagenwäsche stillgelegt.
Helmut Hartke erinnert sich: »Das am nördlichen Ende der Wagenwäsche befindliche Gebäude war ein Öllager. Von dort erhielten bis zur Einführung der Rollenlager die Achsbuchskolonnen, die in den Bezirken Fgs, Fgn und Fgk die Gleitlager der Güterwagen überprüften und die Schmierposten ihre Betriebsstoffe. Auf dem Gleis 123 an der Böschung standen Reisezugwagen, in denen sich die Mitarbeiter umkleideten«.

Ein weiteres Gebäude gehörte nach 1945 zum Bww: Der ehemalige Güterschuppen von 1908 auf dem »Ostbahnhof« des Pbf. Er diente nach 1945 als Ausrüstungsschuppen überwiegend zur Herrichtung der Güterwagen für die sowjetischen Militärtransporte.
Das erste Frankfurter Kulturhaus der Eisenbahner an der Briesener Straße entstand in einer ehemaligen Wagenreparaturhalle der Hauptwerkstatt in der sich in den 1930er Jahren eine Fahrkartendruckerei befand. 1950 wurde das »Kulturhaus Briesener Straße« fertig gestellt und dem Bww bis zur Bildung der Dienststelle »Eisenbahnerversorgung« im Februar 1968 unterstellt.
1953 wurden die Wagenmeister aus dem Bww herausgelöst und in der »Wagenbetriebsstelle 7« mit Sitz am Eilgutschuppen (heute Posener Hof 1) zusammengefasst. Die Umbenennung in Wagenmeisterei Frankfurt (Oder) erfolgte 1956.

Mit der Inbetriebnahme des Grenzbahnhofes Oderbrücke (Odk) im Jahre 1954 nahm auch der Schmierposten Odk (zur Kontrolle des Ölstandes bei den Gleitlagern der Güterwagen) seine Arbeit auf. Etwa zur gleichen Zeit entstanden auf Odk und in Kostrzyn (Küstrin) zur Übergabe und Übernahme der Güterwagen Wagengrenzstellen.
Große Schwierigkeiten gab es, als ab 1. April 1958 der Vierbrigadeplan eingeführt wurde. Die starke Tagesbrigade Bensch musste aufgelöst werden, um alle Schichten besetzen zu können. Der Arbeitsrhythmus war ungewohnt und der Einsatz eines Meisters je Schicht bereitete Probleme.
Die größer und schwerer werdenden Fahrzeuge machten 1965 den Einbau einer neue Schiebebühne für 120 Tonnen. Ein Foto von 1930 aus Anlass der Schließung des letzten Teiles der Hauptwerkstatt zeigt, das die Schiebebühne früher bis zum „Küchengleis“ reichte.
Mit der Einführung des neuen Standverfahrens auf den Gleisen 11 und 13
konnten im Quartal 150 Wagen mehr ausgebessert werden. Das reichte jedoch noch nicht, denn 1966 rollten im Jahresdurchschnitt täglich 45 Züge in beiden Richtungen über den Grenzbahnhof Frankfurt (Oder). Die dabei anfallenden Schadwagen mussten kurzfristig instand gesetzt werden.
Eine neue Hebebockanlage für 112 Tonnen kam ab 1974 zum Einsatz.

Zur Beschleunigung des Grenzverkehrs wurde 1970 durch das Bww eine Wagenausbesserungsstelle auf polnischer Seite in Kostrzyn (Küstrin) eingerichtet. Auf dem »Posener Hof«, so die Bezeichnung der Reinigungsgleise auf dem Personenbahnhof, wurden 1971 rd. 55 000 Reisezugwagen gereinigt. Die erste Außenwaschanlage ging 1972 in Betrieb. 1990 folgte eine modernere Reinigungsanlage. Ein Jugendobjekt Wagenreinigung wurde am 5. Juni 1979 eröffnet.

Ein besonderer Betreuungsbereich mit Schneider und Schuhmacher, der in der Not der ersten Nachkriegsjahre entstanden war und z.B. von Januar bis Oktober 1963 Kinderhosen im Werte 23 700 Mark produzierte (!), musste 1976 wegen fehlenden Nachwuchs aufgelöst werden.
Um die Arbeit rationeller zu gestalten, kamen die Wagenmeister ab 1. Juli 1977 wieder zum Bww.
1950 wurde entsprechend einer Weisung der Rbd Berlin in beiden Frankfurter Bahnbetriebswerken begonnen eine Freiwillige Feuerwehr (FF) aufzubauen. Im Bww gab es ab 1952 zunächst eine Jugendgruppe aus der sich 1954 die FF des Bww entwickelte. Um eine effektiver Ausbildung und Einsatzbereitschaft zu erreichen entstand 1969 die Wehrgemeinschaft im Eisenbahndienstort Frankfurt (Oder). Dabei wurde auch die FF der Lokeinsatzstelle Wriezen als Löschgruppe IV einbezogen. Die Ausbildung fand überwiegend im Bereich des Bww unter Leitung des Wehrleiters Paul Zander statt.
P. Zander hat beim Ausscheiden im Sept.1992 an einem Nachfolger übergeben. Die Auflösung erfolgte 1993.

 Im Oktober 1987 wurde die gesamte Osthalle gesperrt, weil sich Mängel an der Dachkonstruktion der Osthalle zeigten. Nachdem 45 Hilfsstützen eingebaut worden waren, konnte das Bauwerk wieder genutzt werden. Nach langen Bemühungen zur Bereitstellung von Baukapazitäten durch das Stadtbauamt begann 1988 der VEB Bau Frankfurt (Oder) mit der Umgestaltung des Schiebebühnenfeldes und der Freifläche zum Bww-Eingang als wichtige Voraussetzung für den Einbau einer neuen Schiebebühne und weitere Rekonstruktionsmaßnahmen.

Das Bww hatte 1989 etwa 465 VbE (Vollbeschäftigten-Einheit). Davon waren 50 VbE außerhalb von Frankfurt (Oder) in Wriezen, Kietz, Fürstenwalde, Ziltendorf und Eisenhüttenstadt als Wagenmeister im Einsatz und 20 VbE in der Wagengrenzstelle Kostrzyn (Küstrin) tätig.

Nach der Wende galten neue Prämissen. Die Osthalle wurde ab 1992 unter Beibehaltung der Klinkerbauweise umgestaltet und die Dachkonstruktion komplett erneuert. Der Bereich Werke nahm hier 1995 seine Arbeit mit Teilen der Belegschaft des Bw und Bww auf. Spätesten ab Januar 1999 hat DB Cargo seine Schienenfahrzeuge in der Osthalle unterhalten. Im Februar 2008 erledigen die 40 Mitarbeiter des Service-Center Frankfurt (Oder) von Railion (Diese Firmierung gilt ab 1. September 2003) aufgaben bei der Wagenunterhaltung, wie auch die vielen Radsätze auf dem Werkhof beweisen. Bis Ende 2006 wurden vorübergehend auch ausgemusterte Güterwagen zerlegt. 1500 pro Jahr waren geplant. Auf Grund von Beschwerden der Anwohner wegen der Lärmbelästigung musste diese Tätigkeit wieder eingestellt werden. Arbeitsplätze gingen verloren.
Die Mitarbeiter der Wagenreinigung auf dem Posener Hof unterstehen ab 1. Februar 1993 einem neuen Arbeitgeber, der am 1. Juni 1992 gebildeten Bahnreinigung, Service-Center Frankfurt (Oder).

Vorsteher bzw. Leiter waren

im Bww:
Herrmann Nimmergut 1947 - 1950, Hoffman, Erich Bläse 1950 - 1956,
Walter König 1956 - 31.08.1981, Helmut Hartke 01.09.1981 - 31.10.1990,
Hans Joythe 01.11.1990 - 31.12. 1992

in der Wagenmeisterei:
Egon Noak, Walter König 1953 - 1956, Hermann Stage 1956 - 06.1958,
Arnold Birr 21.07.1958 - 1962, Hans Jürgen Dittberner bis etwa 1968,
Wilhelm Holz bis November 1975, Helmut Hartke 01.12.1975 - 1977

 Nur die nachfolgenden Kennziffern stehen gegenwärtig zur Verfügung:

Jahr

Wagenausstoß G0

Waschwagenausstoß

Reinigungsgrad

1959

23 574

23 713

2,13

1960

22 440

18 606

2,26

1961

25 094

18 805

2,42

1962

27 862

17 626

2,54

Reinigungsgrad: Je höher der Wert, um so besser war die Qualität

 1966 Auszeichnung der Brigade 2

Autoren: Lothar Meyer, Helmut Hartke

 

 

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