Zeitzeugenberichte zum Eisenbahn-Haltepunkt Buschmühle Frankfurt (Oder)


Die Buschmühle, die auch dem Haltepunkt der Eisenbahn ihren Namen gab wurde bereits 1646 erwähnt. Mehrmals änderten sich die Besitzer.
Als die Niederschlesisch-Märkische Eisenbahngesellschaft zur Schaffung einer durchgehenden Verbindung von Berlin bis Breslau am 1. September 1846 den Abschnitt Frankfurt-Breslau in Betrieb  nahm, war diese Aufgabe erfüllt und Buschmühle hatte einen Haltepunkt. Dazu waren besonders zwischen Frankfurt und Finkenheerd komplizierte Bauarbeiten erforderlich. Allein von der Großen Müllroser Straße in Frankfurt bis zur Gubener Straße in Finkenheerd waren damals 15 Eisenbahnunterführungen zu errichten. Die Arbeiten für den zweigleisigen Ausbau der Strecke waren am 18. Oktober 1860 erledigt.
Bereits beim Bau des ersten Gleises ist offensichtlich die Wasserzufuhr für die Mühle so beeinträchtigt worden, dass der Betrieb der Mühle eingestellt werden musste.
Buschmühle entwickelte sich immer mehr zu einen Ausflugszentrum. Das patriotische Wochenblatt vom 11. August 1847 wies bereits auf Vergnügungsfahrten mit der Eisenbahn von Frankfurt nach Buschmühle und zurück hin.
Von 1936 bis zum Beginn des Krieges verkehrte der »Fliegende Breslauer«, ein dreiteiliger Schnelltriebwagen der Bauart Leipzig als Schnellverbindung auf der Relation Berlin Charlottenburg-Breslau-Beuthen mit einer Höchstgeschwindigkeit von 140km/h. Soweit meine einleitenden Worte. Es kommen nun zwei Zeitzeugen zu Wort, die einen Teil ihrer Kindheit auf diesem Haltepunkt (Bahnhof ist hier auch zulässig) verbracht haben.

 

Hans-Joachim Zettier aus Prenzlau

Er bat mich im Jahr 2000 um Informationen zu Buschmühle. Als Dank hat er mir einig Kindheitserinnerungen geschickt

"Mein Vater arbeitete vom 1. Oktober 1930 bis 1. Oktober 1938 bei der Deutschen Reichsbahn. Ich selbst wurde 1932 auf dem Bahnhof Seedorf, Kreis Crossen geboren, mein Bruder 1936 auf dem Bahnhof Buschmühle.
Meine Erinnerungen an diese Zeit sind nur gering, denn ich war 1936 erst vier Jahre alt. Einige Episoden haben sich dennoch bis heute eingeprägt. Am meisten beeindruckte mich der Wald ringsum. Er erschien mir zuerst düster und unheimlich. Je öfter ich aber mit meinem Vater und meinem Onkel im Walde spazieren ging, den Vogelstimmen lauschte und Tiere beobachtete, desto mehr wurde der Wald für mich zum geheimnisvollen Spielplatz, in dem es immer etwas zu entdecken gab. Diese Liebe zum Walde, in früher Kindheit geweckt, ist mir bis heute geblieben.

Buschmühle bestand nur aus 3 oder 4 Häusern. Dem Bahnhof, einem Ausflugslokal und 1 oder 2 Villen. Zum Ausflugslokal führte vom Bahnhof schräg nach unten in den Wald ein Weg. Mit diesem Lokal verbinden mich in der Erinnerung einige gemischte Gefühle. Zur Erklärung sei gesagt, dass es in der schönen Jahreszeit oft Platzkonzerte im Ausflugslokal gab. Diese Konzerte zogen viele Ausflügler aus Frankfurt/Oder an, die sich bei Musik, Tanz oder Spaziergängen vergnügten. Meine Eltern hatten dann alle Hände voll zu tun. Ich stand manchmal neben meiner Mutter und sah dem Trubel auf dem Bahnsteig interessiert zu. In meinem blauen Bleyle-Strickanzug mit Spielschürze und dunkelblondem Lockenkopf muss ich wohl sehr niedlich ausgesehen haben, denn ich bekam oft viele Bonbons oder Schokoladenstückchen. Mitunter waren es so viele, dass mir meine Mutter den größten Teil der Schätze wegnahm trotz meines Protestgeschreis und mir die Süßigkeiten in den nächsten Tagen in kleineren Rationen wieder zuteilte.

Soweit zu den angenehmen Erinnerungen an das Ausflugslokal, aber jetzt zu den unangenehmen Erinnerungen.

Wenn der Trubel auf dem Bahnsteig zu groß wurde und ich in Gefahr geriet, dabei umgerissen zu werden, wurde ich mit einem Bilderbuch in mein Kinderbett verbannt. Eines Sonntags war es wieder einmal soweit. Die Sonne strahlte, die fröhlichen Ausflügler auch und ich konnte das Konzert nur aus meinem Kinderbett verfolgen. Das rhythmische Dröhnen der großen Pauke muss wohl einen schöpferischen Impuls in meinem Kindergehirn ausgelöst haben. Also angelte ich mir vom Tisch neben meinem Bettchen einen Kopierstift und begann mit lockerer Hand die Tapete, das Tischtuch, meinen Bettbezug und mich selbst zu bemalen. Plötzlich wurde die Farbe kräftiger. Ich hatte wohl gedankenvoll den Kopierstift mit der Spitze in den Mund gesteckt und damit die Farbverstärkung ausgelöst. Begeistert durch das Farbenspiel arbeitete ich emsig weiter. Als meine Mutter ins Zimmer trat, stieß sie einen schrillen Schrei  aus. Ich muss das wohl irrtümlich für einen Freudenschrei gehalten haben. Aber das war ein grober Irrtum. Meine Mutter riss mir den Kopierstift weg, zog mich aus dem Bett und verpasste mir einige derbe Klapse auf meinen Allerwertesten. Empört ob dieser groben Kritik an meiner Kunst brüllte ich aus Leibeskräften. Besonders, weil ich noch längere Zeit 'scharf' gewaschen wurde. Mir blieb zumindest die Genugtuung, dass meine Zeichnungen auf Tischtuch und Bettbezug noch längere Zeit zu sehen waren, während die 'Bildergalerie' an der Tapete von meinem Vater schnell überklebt wurde. Eine letzte und sehr deutliche Erinnerung an Bahnhof Buschmühle sei hier noch geschildert. Es geschah im Jahre 1936. Der Kinderwagen mit meinem erst wenige Monate alten Bruder stand auf dem Bahnsteig in der Sonne. Durch den Bahnhof raste täglich in voller Fahrt mit hoher Geschwindigkeit der 'Fliegende Breslauer'. Wegen der starken Sogwirkung des Zuges musste der Bahnsteig vorher von Allem geräumt werden, was nicht niet- und nagelfest war. Eines Tages stand der Kinderwagen mit meinem Bruder auf dem Bahnsteig parallel zum Gleis. Meine Mutter hatte vergessen, den Kinderwagen in Sicherheit zu bringen. Als der Zug heranraste setzte sich der Kinderwagen in Bewegung. Meine Mutter rannte auf den Bahnsteig und es gelang Ihr, den Kinderwagen zum Halten zu bringen. Totenbleich mit zitternden Gliedern und unfähig zu sprechen, hielt sie den Griff des Kinderwagens umkrampft. Nie wieder später habe ich meinen Vater so brüllen gehört.

Trotz dieser beinahe tragisch geendeten Episode habe ich doch an meine frühe Kindheit auf dem Bahnhof Buschmühle viele schöne Erinnerungen.

Prenzlau, 10.10.2000       Hans-Joachim Zettier  68 Jahre"

 

Wolfgang Zielke aus Berlin

schrieb im August 2014 an den Heimatverein Tzschetzschnow/ Güldendorf e.V.:

"Sehr geehrte Damen und Herren,
durch Zufall habe ich Ihre 'Festzeitschrift zur 775 Jahrfeier' in die Hände bekommen, die ich mit äußerstem Interesse zur Kenntnis genommen habe, da sich darin Erinnerungen an meine Jugendzeit (13/14jährig) 1944/45 widerspiegeln, die mich heute noch als 83jährigen tief berühren.
Es betrifft das Kriegsgeschehen um Buschmühle, das ich mit meinem beiliegenden Bericht und Erinnerungen noch etwas erhellen möchte.
Buschmühle bestand aus 4 Gebäuden: Försterei und Gastwirtschaft, Villa Dunker, Villa Prof. Brendel und der Reichsbahnhaltepunkt auf der Höhe, dem meine Mutter, Elisabeth Zielke, von Februar 1944 bis zum Frühjahr 1945 vorstand. Mein Vater war auch Reichsbahnangestellter und leistete Dienst auf den Stellwerken Schwarze Brücke, Oderbrücke (jetzt Polen), Fauler See, Ffo alter Wasserturm (Stellwerk Afc). Gelegentlich arbeitete er mit französischen Kriegsgefangenen in der Bahnunterhaltung.
Ich selbst fuhr mit dem Fahrrad oder der Bahn  nach Ffo zur Schule (Diesterwegschule).
Der Sohn der Förstersfrau, Gerd Burmeister, war mein Spielkamerad.
Ich würde mich freuen, wenn mein Bericht als einer der letzten Buschmühlenbewohner Ihr Interesse und einen Platz in Ihrer Chronik finden würde."

 

Da  eine Änderung der Güldendorfer Festschrift nicht mehr möglich war, landete der Vorgang bei den FrankfurterEisenbahnfreunden:

 

"Das letzte Jahr von Buschmühle

Meine Eltern bekamen im Februar 1944 von der Reichsbahn das Ansinnen, von Frankfurt (Oder) nach Buschmühle zu ziehen, um dort die Familie Reimann abzulösen und den Haltepunkt zu übernehmen, was sie auch taten. Französische Kriegsgefangene halfen beim Umzug.
Das Bahnhofsgebäude, in dem wir auch lebten, war für uns Stadtmenschen eine positive Überraschung direkt in der Natur zu leben.Und ich fand in Gerd Burmeister, den Förstersohn, einen aufgeweckten und zu allen Streichen aufgelegten Spielkameraden. Insgesamt war das Leben für die Kinder eine erlebnisreiche Zeit. Wir konnten hier rumtollen, in den Stallungen der Försterei,in der Remise der Gaststätte mit ihren alten Spielgeräten, mit dem Fischerkahn auf dem See oder auf dem Hof der Villa Brendel mit den Kindern des Hausmeisters. Nur die Villa Dunker war uns suspekt. Gelegentlich war hier ein weißbeschürztes Dienstmädchen zu sehen, das Kräuter aus dem Garten holte.
Als Kind kann ich mich nicht mehr an die zeitlichen Abläufe erinnern, aber an die Ereignisse, als dann Anfang Februar 1945 die sowjetische Front an der Oder verlief.
Der Eisenbahnverkehr wurde trotz des Beschusses von der anderen Oderseite bis zur letzten Minute aufrechterhalten. Waren die Bahngleise durch Beschuss zerstört worden, flickten französische Kriegsgefangene die Gleise wieder zusammen und der Zugverkehr ging bis zur nächsten Zerstörung weiter. Eines Nachts gab es mächtiges Geschrei und Gebumse an unseren Fensterläden: Wehrmachtsdeserteure wollten Zugang zum Wartesaal, der verschlossen war. Trotz scharfer Drohungen öffnete mein Vater nicht. Er meldete den Vorgang, bekam eine Pistole mit Munition und ein Direkttelefon ans Bett mit Verbindung zum Stellwerk Lossow. Einige Tage später kamen als Schutz 4 bewaffnete SA-Leute, die nun im Warteraum kampierten und von der Gaststätte verpflegt wurden. Es waren Leute, die einst im eroberten Ostgebiet angesiedelt werden sollten. Eines Abends gab es helle Aufregung, denn auf der Ostseite war der Himmel glutrot. Es wurde bei Schwetig (Ostseite) ein KZ-Lager abgebrannt. Ich war als Kind Zeuge, wie Häftlinge und russische Kriegsgefangene misshandelt wurden. Bei einem Kontrollgang in Richtung Stellwerk Lossow erhielten wir von der anderen Seite MG-Feuer. Dann verschwanden die SA-Leute. Es wurde zu brenzlig. Nun wurden deutsche Soldaten verstärkt sichtbar, die sich in den Bergen verschanzten. Auch Volkssturmleute aus Süddeutschland trafen ein. Sie wollten uns überreden nach Würzburg zu gehen. Dort sei es ruhiger. Zwischen dem Volkssturm waren auch Wlassow-Soldaten sichtbar, mit asiatischem Aussehen, die ziemlich verängstigt waren. Mein Vater stellte das Radio auf das Blumenbrett so, dass die Nachrichten zu hören waren, insbesondere der Kampf um Küstrin.
Im Februar nahm der Artilleriebeschuss zu und erreichte auch das Bahngelände. Wir suchten mit Wehrmachtsangehörigen Schutz im kleinen Bahntunnel. Mein Vater fühlte sich im Buschmühler Wald sicher und wollte nicht weg. Er sah auch in der Sowjetarmee Befreier. Doch als ein Granatsplitter durch die Hautür krachte und in die Korridorwand, eine Handbreit an seinem Gesicht vorbeiflog, merkte er, dass der Krieg vor der Haustür stand. Es war schon abends, die Fahrräder wurden mit Habseligkeiten bepackt. Unter der Losung 'Türmen' flüchteten wir nach Frankfurt zu Oma und Opa in die Kleine Müllroser Straße (Kellerwohnung mit nur einer Stube). Hier wollten wir bleiben, mussten aber auf Druck des Blockwartes den vorletzten Evakuierungszug  auf dem Güterbahnhof besteigen und Frankfurt verlassen. Nach vier Tagen Bahnfahrt landeten wir in Ketzin/Havel. Hier erlebte ich die Schließung des Einkreisungsringes um Berlin durch die Sowjetarmee. Mein Vater musste mit einem Reichsbahnbauzug nach  Rathenow. Von hier kam er später zurück. Er konnte noch einmal unter Beschuss von Eichwald her zu unserer Bahnhofswohnung  vordringen, die bereits von Wehrmachtsangehörigen demoliert war, um einige Sachen zu holen. Ein zweites Mal gelang es ihm nicht mehr, da am Bahnhof schon gekämpft wurde. Der Wehrmachtskommandierende gab ihm nur einen Zettel, wo bestätigt war, dass unsere Wohnung durch Kriegseinwirkung zerstört worden ist. Gerüchte besagen, dass ein pensionierter Lokführer, der als Helfer bei der Familie Burmeister gearbeitet hatte, einen Panzerzug bis an den Tunnel Lossower Kurve geleitet hat, der dann das Bahnhofsgebäude zerschossen hat.
Vom Stellwerk Afc in der Nähe des Alten Wasserturms konnte man noch nach Buschmühle sehen, wo vom Kampfgebiet Rauchwolken nach oben stiegen.
Ende Mai kehrte die Familie auf abenteuerlichem Weg nach Frankfurt zurück, wo alles neu 'organisiert' werden musste. Jedenfalls traf ich auch meinen Freund Gerd Burmeister wieder, und wir beschlossen, ohne die Eltern zu informieren, uns nach Buschmühle aufzumachen. Ich legte fest, dass wir uns nur auf den Rändern der Schützengräben bewegen, da dort keine explosiven Dinge zu erwarten waren. Wir haben das Unternehmen durchgeführt und waren über den Anblick entsetzt, alle Bäume waren zerschossen, der Wald existierte nicht mehr, die Erde zerwühlt, überall lagen Waffen, Munition und Blindgänger herum, die Försterei zerstört, verlassene Bunker in den Bergen, die Villa Dunker aber nur mäßig beschädigt. Wir hatten sie vorsichtig betreten. Es lag Verbandsstoff herum und alles zerwühlt. An der Wand hing ein kleines Blumenölgemälde, was ich als Trophäe mitgenommen habe. Es hing später im Altersheim bei meiner Mutter im Zimmer. Das Bahnhofsgebäude war plattgemacht und die Erde von einem Schützengraben durchzogen, der von Möbeltüren unserer Wohnungseinrichtung abgestützt war.
Plötzlich tauchte eine Gruppe der gefürchteten GPU-Soldaten auf, die vom Bahnhof hinunter in den Garten der Försterei schossen und zwei Männer töteten, die nie beerdigt wurden. Wir Kinder lagen auf der Erde und kamen mit einem Schrecken davon.
Gelegentlich, als sich die Zeiten beruhigt hatten, besuchten wir Buschmühle, unsere gewesene Heimat, bis zur Ruine der Gaststätte. Wir hatten damals schon Kenntnis von der Explosion des Tunnels an der Lossower Kurve, eine Grabstätte von Soldaten.
2013 besuchte ich noch einmal Buschmühle, die nicht mehr erreichbar war, unterhielt mich mit der Bewohnerin in der Villa Brendel und verließ das Gebiet.

                    ...                                                                                                              

   Wolfgang  Zielke"

 

Lothar Meyer