1. Vorwort

 

Die  O d e r b r u c h b a h n  hätte, so sie noch existent wäre, im Jahre 1991 ihr achtzigjähriges Jubiläum begehen können. Ihren Namen verdankte sie jenem fruchtbaren Landstrich zwischen dem Barnim und der Oder von dem der Preußenkönig Friedrich der Große nach der Regulierung des Flusses gesagt haben soll, hier habe er im Frieden eine Provinz erobert, die ihm keinen Soldaten gekostet habe.

Die Kleinbahn, ursprünglich vor rund 100 Jahren von Wriezen ausgehend zur Erschließung des Bruches angedacht ,dann aber des besseren Absatzes ihrer Produkte und des bequemeren Reisens wegen auch von den Kommunen auf dem Barnim zwischen Seelow und Fürstenwalde gewünscht, gehörte bis Mitte der 60er Jahre zum Erscheinungsbild dieser märkischen Region. Ihre Existenz war durch Höhen und Tiefen geprägt. Die Euphorie der Anfangsjahre wurde durch den 1.Weltkrieg gedämpft. Inflation, wirtschaftlicher Aufschwung Mitte des Jahrzehnts und die Weltwirtschaftskrise bestimmten das Betriebsergebnis in den 20er Jahren. Mit der Bildung der Aktiengesellschaft im Jahre 1932 wurde eine gewisse Basis für die dringende Erneuerung der Anlagen geschaffen. In den 30er Jahren profitierte die Bahn von der kriegsvorbereitenden Konjunktur. Bis kurz vor dessen Ende erfüllte sie ihre Aufgaben scheinbar weit vom Geschehen des 2.Weltkrieges entfernt, dann im Frühjahr 1945 lag sie wochenlang mitten im Kampfgebiet der Oderfront. Schwerste Zerstörungen waren die Folge. Zwei Jahre später wurde der mühsame Wiederaufbau durch die Naturgewalten des Oderhochwassers erneut zunichte gemacht. Die Eisenbahner gingen fast mit dem Mut der Verzweiflung an die Arbeit. 1950 fuhr sie wieder auf der ganzen Länge von rund 100 Kilometern zwischen Wriezen und Fürstenwalde und auf dem Abzweig nach Müncheberg, ihre "Rübenbahn". Mitte der 60er Jahre schlug im Zuge der Rationalisierung des Nebenbahnnetzes der Deutschen Reichsbahn auch ihre letzte Stunde. Wie viele Klein- und Schmalspurbahnen wurde sie etappenweise geschlossen.

Im vorliegenden Buch soll die Historie dieser brandenburgischen Kleinbahn im Umfeld ihrer Region umrissen werden. Dabei war es nicht Absicht, nur ein reines Sachbuch zu schreiben, sondern auch ein wenig von der Mentalität der Eisenbahner und dem Leben mit "ihrer" Bahn zu schildern.

Anlass zu ersten Recherchen war das zunächst zufällige Blättern in Akten, "die Oderbruchbahn betreffend" im östlichen Teil des Archivs der Reichsbahndirektion Berlin. Noch vor Öffnung der Mauer war es dank des Archivs möglich, die Akten von West nach Ost "auszuleihen" und ohne besondere Genehmigung einer höheren Instanz zu studieren. Anhaltspunkte darin sowie Nachforschungen aus den 70er Jahren waren Grund, in regionalen Bibliotheken, Archiven und Museen, bei Reichsbahndienststellen und nicht zuletzt bei Zeitzeugen nach Quellen zu suchen. Besonders über die Nachkriegszeit brachten die Erinnerungen alter "Oderbrucheisenbahner" wertvolle Erkenntnisse. Ortskundige Bürger in den Dörfern an der ehemalige Trasse, selbst Jüngere, die es wiederum aus den Erzählungen der Eltern wussten, halfen vor Ort.

Wir haben versucht, daraus die Geschichte der Oderbruchbahn abzuleiten. Selbstverständlich sind sich die Autoren im Klaren, dass ein derartiger historischer Abriss ,auch wenn die Ereignisse nur 25 Jahre zurückliegen, keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben kann. Deshalb nehmen wir entsprechende Hinweise und Ergänzungen jederzeit gern entgegen.

Wir danken allen Institutionen und Personen, die uns mit Dokumenten und Hinweisen unterstützt haben:

Frau Donn, Brandenburgisches Landeshauptarchiv Potsdam

Herrn Dr. Hofmann, Falkenhagen/Mark

Frau Müller, Archiv der Reichsbahndirektion Berlin

Herrn Dr.Schmook, Oderland-Museum Bad Freienwalde

Herrn Targiel, Archiv der Stadt Frankfurt (Oder).

 

Berlin/Frankfurt (Oder) im August 1994

 

 

 

Dr. Horst Regling                                                                                         Lothar Meyer

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