13. Das geheime Objekt im Wald von  Falkenhagen

In jüngster Zeit berichtete die regionale Presse mehrfach über geheimnisumwitterte unterirdische Anlagen im Wald von Falkenhagen  / 54 /  / 55 /  / 56 /  / 57 /.

Anlaß dazu war die Räumung dieses "Objektes" durch die Streitkräfte der GUS Ende September 1992 und seine Übergabe an die Bundesvermögensverwaltung  / 58 /. Die letzte Eintragung in das Objekt-Journal der "Garnison Falkenhagen- Militärsiedlung Nr. 1" ist durch den Diensthabenden mit Datum vom 30.September 1992, 8.00 Uhr ausgewiesen.

Auf diesem Gelände betrieb die Wehrmacht im 2.Weltkrieg eine Giftgasproduktion. Experten meinen,  daß hier etwa seit Beginn des Jahres 1944 Vorprodukte für die Herstellung des "hochgiftigen Kampfstoffes Sarin" hergestellt wurden. Dazu der Physiker Dr. H. Hofmann, Falkenhagen, der sich mit der Historie dieses "Objektes" befaßt:" Auf dem einige Quadratkilometer großen Areal des Waldgebietes 'Falkenhagener Heide' hatte die Wehrmacht etwa ab Mitte 1939 unter Einsatz von Reichsmitteln mit der Errichtung eines chemischen Rüstungsbetriebes begonnen. Bei dieser, später als MONTURON- Seewerke Briesen- Falkenhagen firmierten Anlage der I.G. Farben handelte es sich nach  / 59 / und  / 60 / um die Großproduktionsanlage für den Nervengaskampfstoff Sarin mit einer ab Mai 1945 geplanten Produktion von 500 Monatstonnen". Dazu vermerkte Hitlers Reichsminister für Rüstung und Kriegs-produktion, Albert Speer, später / 61 / :"Der in Falkenhagen erzeugte Kampfstoff Sarin ist der wertvollste und modernste aller Kampfstoffe und hat die sechsfache Wirkung aller bisherigen Kampfstoffe". Die Perfidie der faschistischen Ideologie der Massenvernichtung spricht Bände.

Er verwies auch darauf, daß etwa ab Mai 1944 parallel zur Sarinherstellung mit der Fertigung der gefährlichen Chemikalie Chlortrifluorid, verwendbar als Treibstoffzusatz und Brandflüssigkeit, begonnen worden war.

Hoffmann meint dazu: "Obwohl heute nur schwer nachzuvollziehen ist, welches die anfängliche Fertigungszielstellungen für den versteckt in der Falkenhagener Heide errichteten Rüstungsbetrieb gewesen sind,l äßt sich mit Sicherheit aussagen, daß es die Herstellung des Kampfstoffes Sarin nicht gewesen sein kann. Sarin wurde 1938 entdeckt. Die erste halbtechnische Versuchsfertigung soll nach  / 62 / im Sommer 1942 in Heidkrug bei Münster begonnen worden sein. Daraus läßt sich wiederum ableiten, daß bestenfalls zum Jahresanfang 1943 die Genehmigung für den Bau der Großanlage Sarin II erteilt wurde. Auf alle Fälle muß es sich aber um ein rüstungswichtiges Vorhaben gehandelt haben".

In einer mit dem 4.Januar 1939 datierten "Geheimen Reichssache" des Leiters der "Reichsstelle für Raumordnung" an das "Heereswaffenamt des Oberkommandos des Heeres" ging es um die Errichtung der "Muna Ost" (Munitionsanlage Ost). Darin wurde u. a. die Auflage erteilt: "Der Bahnanschluß ist an die Oderbruchbahn anzuschließen".

Aus Schriftverkehren zwischen den Provinzialbehörden, der Verwaltung der Oderbruchbahn und dem Landrat in Seelow  / 63 / geht hervor, daß ab Sommer 1939  die Zufuhr von Baumaterialien "für ein wichtiges Bauvorhaben" zum Bahnhof Falkenhagen einsetzte.Man rechnete mit einem täglichen Eingang von bis zu 160 (?) Wagenladungen .Die Güter sollten auf dem Bahnhof umgeschlagen und zum Teil zwischengelagert werden.

Um derartige Mengen im Umschlag zu bewältigen, mußten "sehr erhebliche Ausbauten der Gleisanlagen" vorgenommen werden. Im Bahnhof wurden ein zweites Gleis verlegt und Umladestellen geschaffen. Für den Weitertransport ins Gelände verlegte die Privatfirma Dyckerhoff und Widmann "Feldbahngleise für 90 cm Spur".

Die Eisenbahnabteilung des Landesverkehrsamtes Brandenburg rechnete im Januar 1940 mit der notwendigen vorübergehenden Erweiterung der Anlagen für etwa 1 1/2 Jahre. Danach sollte zurückgebaut und "der ursprüngliche Zustand der Gleise und des Bahnkörpers wiederhergestellt" werden.

Das Ganze spielte sich in einem hohen Tempo ab. Alle notwendigen Formalitäten zur Genehmigung der Eisenbahnanlagen wurden im Nachhinein erfüllt.

Am 4. September 1939 stellte die Eisenbahnabteilung des Landesverkehrsamtes bei dem für die Oderbruchbahn zuständigen Reichsbevollmächtigten für die Bahnaufsicht in Frankfurt (Oder) Antrag auf die landespolizeiliche Genehmigung der Gleiserweiterungen. Dabei wurde mitgeteilt, daß die Arbeiten wegen "der Dringlichkeit ... beschleunigt begonnen wurden und zum Teil bereits fertig gestellt" sind.

Die Genehmigung wurde am 7.Dezember durch den Regierungspräsidenten zu Franfurt erteilt. Inzwischen wurde fleißig gebaut, denn schon am 20.Januar 1940 meldete die Eisenbahnabteilung die Ausführung und eisenbahntechnische Vorabnahme der Gleiserweiterung.

Im Gemeindeamt in Falkenhagen wurde das Projekt für zwei Wochen öffentlich ausgelegt. Da dort niemand den Zusammenhang erkennen konnte, und die Beteiligten offensichtlich Stillschweigen zu wahren hatten, gab es keine Einsprüche. Dem Gesetz war Genüge getan.

Bereits im März 1940 bestätigte der Landrat dem Regierungspräsidenten die "Abnahme der Gleiserweiterung". Aus Geheimhaltungsgründen waren alle Schreiben so formuliert, daß Außenstehende keine Zusammenhänge erkennen konnten.

Aus dem Papier des Frankfurter Regierungspräsidenten vom 29.Mai 1940 geht hervor, daß zivile Stellen keinen Einfluß auf die Pläne der Wehrmacht hatten. Als Mitglied des Aufsichtsrates der Oderbruchbahn Aktiengesellschaft beklagte er, daß es "leider  nicht möglich gewesen (sei)", den endgültigen Anschluß des Werkes an die Bahn zu erreichen." Dieser sollte vielmehr durch ein 12 km langes Anschlußgleis nach Briesen an die Reichsbahn erfolgen, obwohl der Anschluß an die Oderbruchbahn nur ein Anschlußgleis von 500 bis 1000 m Länge erfordern würde. Die Gründe für die Haltung des Werkes sind nicht ersichtlich .Angeblich soll die in Aussicht genommene Produktionsrichtung den Anschluß an die Reichsbahn erfordern".

Im Zusammenhang mit der Bestellung einer "4/6. gekoppelten Dampflokomotive" durch die Oderbruchbahn bei den Borsig-Lokomotiv-Werken in Tegel "zur Beförderung der Bauzüge bei dem Bauvorhaben M O der Wehrmacht auf dem Bahnhof Falkenhagen" wurde der Bahnbevollmächtigte im Dezember 1940 konkreter .Er stufte die Beschaffung in die Dringlichkeitsklasse "Sonderstufe" ein, daß heißt, die Lok war "bevorrechtigt fertig zustellen".

Eine Zeitzeugin, Frau Kumke aus Falkenhagen, erinnert sich: "Etwa 1939 wurden mit der Oderbruchbahn verstärkt Baumaterialien nach Falkenhagen gebracht, Kies und Splitt ... im Bereich des Kleinbahnhofs gelagert. Außerdem wurden ganze Waggons der Bahn mittels Straßenroller durch den Ort gefahren. Die Einwohner von Falkenhagen wußten nicht, was gebaut wurde. Alles ging (in) Richtung des heute bekannten Objektes in den Wald. Etwa ab 1939 wurde eine Schmalspurbahn vom Kleinbahnhof neben einem Feldweg nördlich am See entlang zum Objekt im Wald in Betrieb genommen. Im Volksmund wurde sie als 'RADAU-EXPRESS' bezeichnet". Schüttgüter wurden auch mit Wehrmachts- LKW in das Werk transportiert, die Fahrer waren Wehrmachtsangehörige. Zivilisten durften das Gelände nicht betreten. Das die Zufuhr großer Mengen eingesetzt hatte, geht aus dem schon genannten Vermerk des Regierungspräsidenten vom 29.05.1940 hervor, in dem er festhielt, daß "in den ersten 4 Monaten des Jahres bereits 50.000 Reichsmark Standgelder durch den Verkehr nach Falkenhagen" angefallen seien und mit größeren Gütermengen zu rechnen sei.

Im Jahre 1942 begann unter Einsatz französischer Kriegsgefangener der Bau der Anschlußbahn vom Bahnhof Briesen ins Werk.

Der Chronik des Ortes kann man entnehmen: "Von Briesen aus ist auch im vorigen Jahr ein neues Anschlußgleis nach einem Werk in Falkenhagen gebaut worden, ebenfalls auch ein neuer Bahnhof. Der Bahnhof ist jedoch nicht für den öffentlichen Verkehr, sondern für die Arbeiter, die später in dem Werk arbeiten werden, bestimmt"  / 64 /. Auf dem Bahnhof Briesen wurde ein zusätzliches Gleis verlegt und der alte Güterschuppen durch eine neue Güterhalle mit Luftschutzbunker ersetzt. Nunmehr konnten Züge über des Netz der Reichsbahn direkt bis in die unterirdischen Anlagen des Werkes verkehren.1945 wurde der Betrieb eingestellt, die Gleisanlagen nach dem Kriege demontiert. Die Brücke über die heutige Bundesstraße 5 zwischen Petershagen und Georgenthal wurde 1983 gesprengt und abgebrochen.

Aufmerksame Beobachter finden heute zwischen Briesen und Falkenhagen noch Reste dieser Gleisverbindung.

Welche Geheimnisse und Gefahren die "Wehrmachts-Altlasten" verbergen ,ist weitestgehend offen. Umweltexperten versuchen diese Fragen zu lösen.

 

 

 

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