14.  Das Jahr 1945

Im Frühjahr 1945 lag die Oderbruchbahn im unmittelbaren Kampfgebiet der Oderfront. Die erbitterten Kämpfe von Anfang Februar bis zum Beginn der sowjetischen Offensive auf Berlin am 16. April sowie die im Rahmen dieser Entscheidungsschlacht mehrtägigen schweren Kampfhandlungen im Raum Wriezen - Seelow - Müncheberg - Fürstenwalde führten zu schwersten Zerstörungen und Schäden an Anlagen, Brücken und Gebäuden. Es gab keinen Streckenabschnitt, der in diesen fast 11 Wochen von  Zerstörungen bewahrt geblieben war. Die Folge waren mehrjährige Unterbrechungen des Eisenbahnbetriebes besonders im nördlichen Bereich der Bahn im Oderbruch.

Ausgangs des Jahres 1944 prägten zunächst Material- und Waffentransporte für die "Niblungen- Stellung" das Bild. Der Reiseverkehr wurde eingeschränkt.

Der Chef des Generalstabes des deutschen Heeres, Generaloberst Guderian, ließ seit Sommer 1944 zwischen Weichsel und Oder gestaffelt in einer Tiefe von 500 Kilometern 7 große Stellungssysteme anlegen, in deren Aufeinanderfolge sich der sowjetische Vormarsch "totrennen" sollte  / 65 /. Ältere Leser werden sich entsinnen, daß "Volksgenossen" von der "Heimatfront" ,Lehrer, Rentner, Frauen und Hitlerjungen im Herbst 1944 zum "Schanzen" nach Pommern und Ostpreußen geschickt wurden.

Besondere Aufmerksamkeit widmete die Heeresführung dem "Abwehrriegel entlang der Oder und Neiße" vom Oderhaff bis in den Raum Görlitz über 685 Kilometer, eben dieser "Nibelungen- Stellung". Die Städte Stettin, Schwedt, Küstrin und Frankfurt wurden zu Festungen erklärt.

Quer durch das Oderbruch entlang dem Westufer des Flusses entstand ein Stellungssystem. Ein zweites, auf den Seelower Höhen errichtet, sollte den "sowjetischen Truppen den kürzesten Weg nach Berlin...versperren". Das Oderbruch war für diesen Riegel ein günstiges Vorfeld. Diese Aktivitäten und die zunehmende Verlegung deutscher Verbände in diesen Raum mögen der Bevölkerung und vielen Wehrmachtsangehörigen den Eindruck einer gewissen Sicherheit vermittelt haben.

Das sich die Lage in den folgenden Wochen auf Grund der Überlegenheit der sowjetischen Seite an Menschen und Material und wohl auch in der Härte der Kampfführung ganz anders entwickeln würde, zeigte sich an der Oder schon Ende Januar.

Marschall Shukow, Oberbefehlshaber der 1.Belorussischen Front, legt in seinen Memoiren  / 66 / dar, er habe am 26. Januar nach Einnahme der Befestigungsanlagen im Raum Meseritz und Feststellung, "daß die hier angelegten Stellungen an vielen Abschnitten noch nicht besetzt waren, da die dafür vorgesehenen deutschen Truppen erst anmarschierten, befohlen,...die Hauptkräfte der Front sollten ihren Vormarsch zur Oder beschleunigen und versuchen, aus der Bewegung einen Brückenkopf am Westufer der Oder zu bilden". Er ignorierte dabei Warnungen Stalins über die Gefahr, seine rechten und linken Flanken bloß zulegen, das Fehlen des Nachschubs und die Verluste während der Weichsel-Oder- Operation. Es ging der sowjetischen Führung um die Bildung dieses "sehr wichtigen Brückenkopfes im Raum Küstrin - Frankfurt und seine Ausdehnung auf mindestens 20 Kilometer Breite und 10 bis 20 Kilometer Tiefe" als Ausgangsbasis für die Berlin-Operation. Ein "Sonderverband" der 5. Stoßarmee der 1. Belorussischen Front erreichte, auf Waldwegen unter Umgehung von Orten vorgehend, als Vorausabteilung "vom Gegner unbemerkt" das Ostufer der Oder.                             

Im Morgengrauen des 31.Januar setzten etwa 1500 Soldaten ebenso unbemerkt auf das Westufer über. Sie besetzten, für die deutsche Seite völlig überraschend, innerhalb einer Stunde Kienitz Dorf, Kienitz Amt, den Gutshof und den Bahnhof.

Dieses Ereignis ist durch die sowjetische Memoirenliteratur gegangen, so die Episode / 67 / ,daß der "Stationsvorsteher" am Vormittag des 31. Januar den sowjetischen Oberst JESSIPENKO gefragt habe: "Gestatten Sie, daß ich den (abfahrbereiten) Zug nach Berlin abfertige?" worauf der Oberst geantwortet habe: "Herr Stationsvorsteher, das geht nicht. Der Personenverkehr nach Berlin muß für kurze Zeit, wenigstens bis Kriegsende, unterbrochen werden".

Ein Zeitzeuge, Günter Weidner  aus Frankfurt (Oder), damals

14 Jahre alt, und in Groß Neuendorf zu Hause, erinnert sich:

"Ende Januar '45 fuhr ich zu meinen Großeltern nach Dolgelin. Sie hatten geschlachtet und wie üblich bekamen wir etwas davon ab. Am 31. Januar... vormittags fuhr ich mit einem fahrplanmäßigen Personenzug in Richtung Groß Neuendorf. Im Zug, der nach meinen Erinnerungen aus einer Lok, 3 Wagen und möglicherweise einem Packwagen bestand, befanden sich etwa 8 bis 10 Reisende. Es lag damals viel Schnee und die Oder war zugefroren.  Als wir in den Bahnhof Kienitz einfuhren, bemerkte ich viele Uniformierte. Sie waren größtenteils damit beschäftigt, die Straße von Kienitz nach Kienitz Amt vom Schnee zu befreien. Nachdem der Lokführer (soweit ich mich entsinnen kann, war es Paul Wunsch) Achtungssignal mit der Dampfpfeife gegeben hatte, wandten sich die mit Maschinenpistolen bewaffneten Soldaten dem Zug zu, den sie bis dahin offensichtlich noch garnicht zur Kenntnis genommen hatten. Innerhalb kurzer Zeit war der Bahnsteig besetzt. Erst jetzt erkannte ich, daß es sowjetische Soldaten waren. Ich wurde von einem sowjetischen Soldaten, der kaum durch die Abteiltür paßte, zum Verlassen des Wagens aufgefordert. Auf der Lok betätigten einige Soldaten die Dampfpfeife. Das machte ihnen sichtlich Vergnügen.

Der Zug blieb am Bahnsteig stehen. Wir wurden gefragt, wo wir wohnen und durften dann den Bahnhof in Richtung Groß Neuendorf verlassen. Gemeinsam mit dem Zugführer Otto Lehmann liefen wir los.  Mehrmals drehten wir uns um, weil wir Angst hatten, die Soldaten würden auf uns schießen. Am Ortsausgang wurden wir noch einmal kontrolliert, sie ließen uns weiterlaufen. Gegen Mittag kamen wir in Groß Neuendorf an. Otto Lehmann informierte seine Dienststelle und ich meine Familie. Keiner wollte uns so recht glauben, was wir erlebt hatten. Anschließend informierten wir den Ortsgruppenleiter der NSDAP Mathesius. Von ihm wurden wir gewarnt, keine Gerüchte zu verbreiten!

Paul Henschel (der damalige 'Chef' in Neuendorf) hatte die Signale aus Kienitz gehört und wollte schon eine Lok oder einen Triebwagen schicken, weil er keine telefonische Verbindung mehr nach Kienitz hatte. Er stellte dann im Laufe des Nachmittags einen Zug zusammen, mit dem Eisenbahnerfamilien gegen 18 Uhr nach Wriezen fuhren".

Dazu der Sohn Paul Henschels und Klassenkamerad von Weidner, Arthur Henschel, Lokomotivführer i.R. aus Groß Neuendorf: "Mein Vater war Lokomotivführer in Groß Neuendorf. Er stellte schnell einen Zug, bestehend aus einer Lok, Triebwagen und mehreren Personenwagen zusammen. Wir trommelten alle erreichbaren Leute im Dorf zusammen und verließen gegen Abend Neuendorf in Richtung Wriezen. Dort übernachteten wir im Schützenhaus. Vater erhielt dann Befehl, den Zug über Dolgelin nach Müncheberg zu bringen. Ich wurde dort im März '45 eingesegnet und begann meine Lehre in der Hauptwerkstatt der Oderbruchbahn. Als Pimpf wurde ich dann noch zum Volkssturm eingezogen".

In den folgenden Tagen stießen sowjetische Einheiten über Zechin und Güstebiese bis an die Strecke zwischen Ortwig - Neulewin vor. In massierten Gegenangriffen eroberten Panzergrenadiere Neubarnim zurück. Auf Befehl Himmlers versuchte die Wehrmacht, unterstützt durch massive Luftangriffe, den Brückenkopf um Kienitz zu liquidieren. Die Truppen Shukows setzten südlich von Küstrin über die Oder und bildeten bei Reitwein/Manschnow einen
2. Brückenkopf. Auf beiden Seiten wurde mit größter Härte gekämpft, wurden Menschen und Material rücksichtslos eingesetzt.

Am 22. März stießen sowjetische Divisionen aus beiden Brückenköpfen nach Süden bzw. Norden vor. Am Bahnhof Golzow vereinigten sich beide Stoßkeile nach der Einnahme von Genschmar. Damit war die Garnison von Küstrin eingeschlossen. Von Lebus im Süden bis ... an die alte Oder im Norden schoben die sowjetischen Stoßarmeen unter schweren Verlusten auf beiden Seiten ihre Stellungen vor. Zwischen Kienitz und Letschin verlor ein Schützenkorps an der dortigen Frontlinie zwischen dem 31. Januar und 16. April rund 6.100 Mann an Toten und Verwundeten 

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Auf der ganzen Länge zwischen Sachsendorf und Ortwig lagen die Bahnlinie und die Bahnhöfe der Oderbruchbahn wochenlang in der Hauptkampflinie. Die Oderbruchbahn auf der Höhe wurde als Nachschublinie genutzt. Von Fürstenwalde bis Dolgelin wurden Munitionstransporte gefahren. Etwa im März wurden, so Arthur  Henschel, über die Staatsbahn von Müncheberg - Müncheberg Stadt nach Fürstenwalde Lazarettzüge  mit Loks der Baureihe 01 gefahren. "Der Oberbau hielt das aus" .Zeitweilig operierte ein Eisenbahngeschütz auf diesem Streckenabschnitt zwischen Falkenhagen, Müncheberg und Trebnitz auf der Ostbahn. Belegt ist auch, daß auf der Strecke Wriezen - Frankfurt auf dem Bahnhof Sietzing ein derartiges Geschütz stationiert war. Um dem Gegner die Standortbestimmung zu erschweren, wurden nach jedem Abschuß die Stellungen gewechselt. Die Lokleistungen hatte hier das Bw Wriezen übernommen. "Fronterfahrene" Lokpersonale fuhren nachts kurze Nachschubzüge von Wriezen aus ins Oderbruch bis hinter die deutschen Stellungen. Alles mußte unbeleuchtet, ohne Funkenflug und möglichst geräuscharm geschehen.

Am 16. April begann aus dem Oderbruch heraus auf breiter Front die sowjetische Offensive. Länger als von der sowjetischen Armeeführung eingeschätzt, fanden die verlustreichen Kämpfe um die Seelower Höhen, Müncheberg, Fürstenwalde und Wriezen statt. Dabei wurden der Oderbruchbahn weitere Zerstörungen zugefügt.

Wie Eisenbahnerfamilien diese Tage erlebten, schildert Frau Charlotte Karge aus Grießen- Klettgau:

"Mein Vater wurde 1936 bei der Oderbruchbahn eingestellt. Er war zunächst Bremser, später Schaffner und Zugführer. In den letzten Kriegsmonaten mußte er oft Munitionszüge von Fürstenwalde nach Dolgelin und auch weiter begleiten". Die Familie war gemeinsam mit anderen in einem so genannten "Räumzug" aus Dolgelin evakuiert worden.

"Etwa vier Wochen vor dem Angriff der Russen sind wir, meine Mutter, meine Geschwister und ich sowie andere Eisenbahnerfamilien aus Genschmar und Dolgelin mit einem Zug, bestehend aus einer Lokomotive, einem Packwagen und einem Personenwagen nach Lietzen gefahren. Dort standen wir etwa 2 Wochen. Jede Familie hatte ein Abteil, auf der Plattform stand ein eiserner Ofen als Kochstelle. Als die Luftangriffe stärker wurden, setzten wir nach Steinhöfel um und standen dort wiederum etwa 14 Tage. Bis dahin waren sogar unsere Hühner noch dabei.

Am 15. April wurde Fürstenwalde bombardiert. In der folgenden Nacht setzte das Trommelfeuer der Sowjets ein, die Fensterscheiben zitterten. Mein Vater und seine Kollegen nutzten gegen 13 Uhr eine Feuerpause, um sich von Dolgelin nach Steinhöfel abzusetzen. Gemeinsam fuhren wir dann mit dem Räumzug nach Fürstenwalde. Von dort zogen wir mit dem Handwagen weiter bis uns die Front einholte. Ende April kehrte die Familie nach Dolgelin zurück. Wir fanden ein stark zerstörtes Bahnhofsgebäude und daneben einen großen Bombentrichter vor".

83 Tage hatten die Kämpfe im Oderbruch gewütet.40 Prozent aller Dörfer waren überwiegend zerstört, die Städte Wriezen, Seelow und Müncheberg waren Ruinen Dörfer wie Sachsendorf, Kienitz und Tucheband waren total verwüstet  / 69 /.

 

Weite Gebiete des Oderbruchs waren vermint, überall lag zerstörtes Kriegsmaterial herum, allein vor den Seelower Höhen 600 Panzerwracks. Tausende von Gefallenen beider Seiten waren überwiegend dort, wo sie starben, notdürftig beigesetzt worden. Heute, fast 50 Jahre nach der Schlacht um Berlin werden noch 30.000 Soldaten vermißt  / 70 /.Das Oderbruch, einstmals eine Kornkammer Preußens, war wie kein anderer deutscher Landstrich im 2. Weltkrieg verwüstet worden. Die Menschen hungerten und starben an Seuchen. Viele wurden in den ersten Nachkriegsmonaten Opfer von Minen und Blindgängern; allein in Golzow, Letschin und Sophienthal waren es 80 Einwohner.

Die Anlagen der Oderbruchbahn waren zu großen Teilen zerstört oder beschädigt.

8 der 27 Empfangsgebäude waren total zerstört. Brücken, Durchlässe und Schienenstränge waren während der Kampfhandlungen gesprengt worden, so auch das größte Bauwerk der Oderbruchbahn, die Brücke auf der die Bahn bei Golzow die Ostbahn überquerte. Von den insgesamt 30 Eisenbahnbrücken und Durchlässen waren 23 nicht "betriebsfähig". Die Bahnkörper waren von Bomben- und Granattrichtern übersät. Schienen und Schwellen waren vielerorts zum Stellungsbau verwendet worden. Von den rund 100 Kilometern Strecke waren nur rund 45 Kilometer befahrbar. Fernsprech- und Signalanlagen waren besonders im Bruch zerstört Das Gebäude der Betriebsleitung der Kleinbahn vor der Stadtmauer in Müncheberg wurde bei den Kämpfen um die Stadt total zerstört.

Das war die erschreckende Bilanz, die die Eisenbahner nach ihrer Rückkehr auf ihrer Bahn vorfanden.

 

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