2.  Auf den Spuren der Oderbruchbahn

 

Die Oderbruchbahn hatte einst 43 Stationen. Sie verkehrte zwischen Wriezen, dem "Tor zum Oderbruch" im Norden und Fürstenwalde im Süden, überwand bei Sachsendorf die Randzone des Barnim und verband über eine Zweigstrecke zwischen Hasenfelde und Müncheberg weitere Orte auf der Höhe.

Wer die Trasse heute bewandert stößt  25 Jahre nach der Stillegung auf viele Sachzeugen. Der aufmerksame Beobachter kann besonders in der hügeligen Landschaft des Barnim den Streckenverlauf verfolgen. Bahndämme ,Reste von Gleisanlagen, größere Brückenbauwerke bei Dolgelin und Lietzen. Rampen, Wasserdurchlässe, Anschriften und Straßennamen zeugen von der Bahn. Die größeren Empfangsgebäude in Wriezen, Groß Neuendorf, Zechin, Dolgelin und Hasenfelde werden als Wohnhäuser, die in Lietzen und Müncheberg (Mark) Stadt als Verwaltungsgebäude genutzt In Falkenhagen, Diedersdorf, Seelow und Neubarnim sind noch sogenannte "Typen-Empfangsgebäude", durch Um- und Anbauten verändert, erhalten.

Beginnen wir unsere Wanderung in Fürtstenwalde. Wer aus Berlin oder Frankfurt (Oder) kommend, die Regionalbahn in Fürstenwalde verlässt und am Bahnhofsvorplatz seine Schritte nach links lenkend den Überweg überquert, trifft am Beginn der ehemaligen Forststraße auf den Kleinbahnhof. Dort stand das 1945 zerstörte Empfangsgebäude. Der Bahnhof gehörte zur Kreisbahn Beeskow - Fürstenwalde (Scharmützelseebahn). Er wurde als Gemeinschaftsbahnhof mit der Oderbruchbahn genutzt. Die versetzt angeordneten Bahnsteige beider Bahnen sind noch vorhanden, der nördliche, 148 m lang, gehörte zur Oderbruchbahn. Der sechsständige Lokschuppen mit Werkstatt, zwei Kohlenbansen und Wagenwäsche wurde 1957/58  abgerissen. Zwischen dem Empfangsgebäude und der Lokstation waren die 130 m lange Ladestraße und der Güterboden angeordnet. Neben dem Stellwerk Fük befindet sich der 1935 erbaute zweiständige Triebwagenschuppen. Er wurde 1969 an die Bahnmeisterei Fürstenwalde übergeben. Vom Bahnsteig führt das noch vorhandene ehemalige Streckengleis zum Industrieanschluss Marienhütte in Kilometer 2,5 und weiter zum Flughafenanschluss am ehemaligen Haltepunkt Waldfrieden (km 2,9), der schon 1948 aufgelassen wurde. In Neuendorf-Buchholz (km 5,0) und Steinhöfel (km 9,6) stehen, wo einst sogenannte Oderbruchbahn-Typenbauten als Empfangsgebäude existierten, Einfamilienhäuser in der Trassenflucht. Ihre Vorgänger wurden 1945 zerstört bzw. 1966 abgerissen. Wer in Steinhöfel durchs Gelände streift, entdeckt unter Bäumen und Strauchwerk versteckt Reste der Seitenrampe und das Toilettenhäuschen. In Hasenfelde (km 14,2)  kreuzt die Straße die ehemalige Trasse am Bahnhofskopf. Die weiträumigen Anlagen und das Bahnhofsgebäude zeugen von der früheren Bedeutung dieses Knotens. Hier verzweigten die Strecken nach Wriezen und Müncheberg. Schon 1913 verkehrten täglich 22 Züge. Für den Erhalt des Gebäudes haben seine Bewohner und Eisenbahnfreunde gesorgt. Stellwerksraum und Güterschuppen könnten sich gut für eine Arbeitsgemeinschaft eignen. Nur eine verwitterte Inschrift am "Gasthaus zur Eisenbahn" weist in Heinersdorf noch auf die ehemalige Zweigbahn nach Müncheberg hin. Dort in Müncheberg (Mark) Stadt befand sich neben dem noch vorhandenen Bahnhofsgebäude die 1945 zerstörte Verwaltung der Oderbruchbahn, der Kreisbahn Beeskow - Fürstenwalde und der Buckower Kleinbahn.

Der Bahnhof verfügte über zwei Bahnsteige und einen Lokschuppen, der um 1965 abgerissen wurde. Der noch vorhandene Gebäudekomplex der Hauptwerkstatt hatte einen Gleisanschluss in km 5,6.Am Bahnhofsvorplatz der Ostbahn endete die Kleinbahn, die bis 1941 von dort (km 0,00) bis Müncheberg (Mark) Stadt (km 4,2) als selbständige Müncheberger Kleinbahn existierte Schotter und Schwellenreste auf der Trasse zeugen davon. Der 60 m lange Bahnsteig befand sich gegenüber dem inzwischen renovierten und zum Fotoobjekt gewordenen Empfangsgebäude der Ostbahn.

Kehren wir zurück auf die Strecke nach Wriezen. In Arensdorf

(km 16,9) findet der aufmerksame Besucher schnell die kopfsteingepflasterte Straße, die zum ehemaligen Bahnhof führt. Die heutigen Bewohner haben den Wohntrakt des Bahnhofsgebäudes in ein schmuckes Einfamilienhaus, eingebettet in den blühenden Hausgarten, umgebaut. Das eigentliche Bahnhofsgebäude existiert nicht mehr, es wurde 1969 abgerissen. An der ehemaligen Ladestraße stehen noch ein Speicher und eine Fuhrwerkswaage. Am östlichen Ortsausgang kreuzte die Oderbruchbahn die Straße von Müncheberg nach Frankfurt (Oder).Noch vorhandene Eisenbahnschienen in der Straßendecke und das in Linie stehende Buschwerk zeigen den ehemaligen Trassenverlauf. Am sogenannten Oderbruchbahnstil erkennt der Wanderer den Fachwerkbau des Bahnhofs in Falkenhagen (km 21,6).Das Gebäude ist in seiner Grundsubstanz gut erhalten. Leider hat der um sich greifende Vandalismus in letzter Zeit auch hier seine Spuren hinterlassen, eingeschlagene Fenster und Türen zeugen davon. Wo einst Gleise lagen wachsen junge Bäume, in Reihe gesetzt. Von der einstmaligen Bedeutung dieses Bahnhofs im 2.Weltkrieg ist nichts mehr erkennbar. In dem nach dem Krieg in Lietzen (km 26,5),wie auch in Dolgelin, als Ersatz für den 1945 zerstörten Typenbau errichteten Zweckbau befindet sich im Grünen die Revierförsterei. Am ehemaligen Haltepunkt Lietzen Nord (km 27,7) steht noch inmitten von Kleingärten der Torso eines Güterwagens, der einstmals als Fahrkartenausgabe und Aufenthaltsraum für die Reisenden diente. Bei einem Gespräch schwärmen zwei Omas von ihrer Bahn und den Fahrten mit dem Triebwagen. Unsere Antwort, dass wir uns auf den Spuren der Bahn befinden, sie aber nicht wieder aufbauen wollen, stimmt sie etwas traurig. In Lietzen findet der bau- und kunstgeschichtlich Interessierte Denkmale brandenburgischer Geschichte. Um 1230 errichtete hier der Orden der Templer eine Komturei.1312 übernahmen die Johanniter das Erbe der Templer.

Die Komtureikirche, ihr Ursprung geht in das 13.Jahrhundert zurück, das Herrenhaus und der Speicher auf dem Gutshof sind Zeugen. Über den Hochdamm, der in der Nähe von Neuentempel unter dem gut erhaltenen Brückenbauwerk (km 29,86) von einem Feldweg unterquert wird, erreicht man Diedersdorf (km 31,3). Das baulich stark veränderte Empfangsgebäude wird als Wohnhaus genutzt. In Seelow (Mark) Stadt (km 35,8) endet der bis Januar 1994 von Dolgelin aus als Anschlussbahn genutzte Rest der Oderbruchbahn. Das Typen-Empfangsgebäude wird nicht mehr benötigt. In Friedersdorf (km 38,2),dem Stammsitz derer von der Marwitz, deren berühmter Vorfahr, Oberst Johann Friedrich Adolf, einst Friedrich dem Großen den Gehorsam verweigerte, findet man neben dem Gleis nur noch Reste der Bahnsteigkante. Dafür bietet das Dorf mit seiner rekonstruierten Kirche, dem "Kunstspeicher" und dem Anger rings um den Dorfteich dem Touristen Sehenswertes. In Dolgelin (km 40,2) bewohnt ein pensioniertes Eisenbahnehepaar, Zeitzeugen, das 1960 errichtete Empfangsgebäude. Das ehemalige zweigeschossige Gebäude und der Lokschuppen wurden bei den im April 1945 tobenden Kämpfen zerstört .Reste des wiederaufgebauten und 1960 für Kleinloks umfunktionierten Schuppens stehen noch und lassen in Teilen den ursprünglichen Fachwerkbau erkennen. Hier "kreuzte" die Oderbruchbahn mit beidseitigem Anschluss nach Süden und Norden die Staatsbahnstrecke Eberswalde - Frankfurt (Oder).Unweit des Bahnhofs beginnt der topographisch interessanteste Streckenabschnitt, der "Abstieg" in das Oderbruch. Wander- und Naturfreunde sollten statt des direkten Weges über die Landstraße nach Sachsendorf die Trasse durch den Langen Grund vorbei am Knollenberg wählen. Vom Bahndamm in einen Einschnitt übergehend, unterquert die Bahn die Frankfurter Strecke, um dann in einem weitem Bogen als Hochdamm in das Bruch abzufallen. Für den etwas beschwerlichen Weg, die Trasse ist teilweise mit Büschen und Himbeergestrüpp das leicht zu Fußangeln werden kann überwachsen und an einer Stelle durch einen Feldweg durchbrochen, wird man durch einen weiten Blick über die Lebuser Höhen, zum Reitweiner Sporn und über die Ebene des Oderbruches entlohnt.

In Sachsendorf (km 45,2) erinnert nichts mehr an die Bahn. Der dortige Typenbau musste 1966 dem Agrarflugplatz weichen. Im Kleinbahnhof Golzow (km 52,3)ist der ehemalige Lokomotivschuppen, der nach dem Krieg zur Abfertigung der Reisenden genutzt wurde, als Wohnhaus erhalten. Von dem alten zweigeschossigen Bahnhofsgebäude das ,wie ein früheres Verwaltungs- und Wohngebäude,1945 zerstört wurde, steht nur noch der Kellereingang. Im Hausgarten am ehemaligen Bahnsteig leuchtet ein Bahnhofsschild zwischen Fliederbüschen hervor. Hier in Golzow war einst der Übergang von Reisenden und Gütern auf die Ostbahn möglich. In Richtung Golzow Dorf überquerte die Oderbruchbahn diese Strecke. Das stählerne Brückenbauwerk,1945 gesprengt und 1949 wieder aufgebaut, wurde nach der Stillegung demontiert und die Rampen abgetragen. Der Typenbau des Empfangsgebäudes in Golzow Dorf (km 57,3) wurde nach 1966 ebenfalls abgerissen. In Friedrichsaue (km 53,9)weist die neu beschilderte Bahnhofstraße auf die baumbepflanzte Bahnhofsanlage hin.Zwischen den Baumreihen entdeckt man die Ruine der kleinen Unterstellhalle, die etwa 1960 als Ersatz für das baufällige Empfangsgebäude errichtet wurde. Hier zweigte einstmals der Anschluss nach Genschmar ab. Das Bahnhofsgebäude in Zechin (km 59,2) wird renoviert. Architektonisch interessant ist hier wiederum der in Fachwerk gehaltene Anbau des Güterschuppens. Die Größe des Bahnhofs und der Nebengebäude zeugen von der einstigen Bedeutung. Die "Lokstation" mit dem vierständigen Lokschuppen war bis 1955 in Betrieb. Von den Nebenwerkstätten, Schmiede, Schlosserei und Tischlerei existiert letztere noch. Die Anschlussbahn der Zuckerfabrik Voßberg,früher an die Oderbruchbahn dann am Bahnhof Letschin angebunden, ist funktionsfähig. Wird sie künftig noch eine Bedeutung haben?

In Kienitz (km 67,4),bekannt geworden durch die am 31.Januar 1945 für die deutsche Seite völlig überraschende Bildung des ersten sowjetischen Brückenkopfes auf der Westseite der Oder, hat die Zeit die Spuren getilgt. Während der von Februar bis April tobenden Kämpfe blieb das Bahnhofsgebäude erhalten. In den Nachkriegsjahren jedoch wurde es ein Opfer des Funkenfluges der Lok 89 6225.Das Projekt eines neuen Gebäudes wurde 1958 den Bediensteten vorgestellt aber nicht mehr realisiert. Im Hafen von Kienitz ist die parallel zum Oderstrom verlaufende Trasse der Anschlussbahn noch erkennbar. Einer der "größten" Bahnhöfe im Oderbruch war Groß Neuendorf (km 71,5) mit 300 Meter langen Überholungs- und Kreuzungsgleisen, einer rund 200 Meter langen Ladestraße, dem Triebwagenschuppen und dem zweietagigen  Empfangsgebäude. Wo einst die Bahnsteige lagen haben die Hausbewohner Gärten angelegt. Im weiträumigen Bahnhofsgelände findet der Eisenbahnfreund Gleisrudimente, Weichenteile, Signale. Hinter dem Bahnhofskopf zweigte das Hafengleis ab. Dort liegen noch Gleise an der Kaimauer neben der Ruine des Getreidesilos. Bis zur Stillegung der Bahn herrschte hier ein reger Umschlag zwischen Binnenschifffahrt und Eisenbahn. Wo einst der Getreide- und Zuckerrübenumschlag den Eisenbahnbetrieb erforderte,  herrscht eine beschauliche fast gespenstische Ruhe, eingerahmt vom Oderstrom und dem Deich In Ortwig (km 75,9)und Neulewin

(km 81,4) hat die Zeit fast alle Spuren verwischt und es kostet Mühe,ohne Hilfe Ortskundiger die Haltepunkte zu finden. Eine Frage über den Gartenzaun genügt, um von freundlichen Bewohnern geleitet zu werden. Der Typenbau in Ortwig wurde nach der Stillegung abgerissen, der in Neulewin fiel, wie in Kienitz, schon 1952 dem Funkenflug der 89 6147 zum Opfer. Dagegen steht in Neubarnim (km 79,2) der gut erhaltene Fachwerkbau, durch einen Zaun geschützt, innerhalb eines Betriebsgeländes. In Kerstenbruch (km 82,6) wurde das Gebäude bei den wochenlang um diesen Ort tobenden Kämpfen im Frühjahr  45 dem Erdboden gleichgemacht. Die Reste des Haltepunktes werden von Bäumen und verwildertem Strauchwerk versteckt. Der Bahndamm hinter dem Dorf ist eingeebnet. In Beauregard (km 86,5),ein Dorf das Name und Existenz der Kolonisierung des Oderbruchs verdankt, wurde das kleine Abfertigungsgebäude zu DDR-Zeiten als "Jugendclub" genutzt. Der Zweckbau wurde erst nach dem Krieg errichtet. Früher stand hier wie an anderen Haltepunkten im Bruch in Heinrichsdorf, Herrnhof, Bliesdorf eine einfache Wellblechbude. Wer nun die Straße nach Eichwerder befährt, ahnt sicher nicht, dass er sich auf der ehemaligen Bahntrasse befindet. Auf der Straßenkreuzung in Eichwerder im Ort (km 88,1) liegt noch ein Gleisjoch im Straßenbett. Auf dem Fundament des auch hier 1945 zerstörten Typenbaues steht heute ein Siedlungshaus, die Bahnsteigkante existiert noch.Im Werksgelände der Zuckerfabrik Thöringswerder endet das dritte Rudiment der Oderbruchbahn. Die mehrgleisige  Anschlussbahn mit Waggonspillanlage zeugt von der Rolle dieses Betriebes bis nach der Wende .In den Kampagnen wurden hier Zuckerrüben aus den Nachbarregionen und aus dem Sächsischem verarbeitet .Anfang der 50er Jahre nach der Übernahme der Kleinbahn durch die Deutsche Reichsbahn erfolgte am Haltepunkt Alt Bliesdorf (km 92,5) die Anbindung der Oderbruchbahn an die Strecke Eberswalde - Frankfurt. Davon zeugt noch heute das Schrankenwärterhaus an der Straße nach Eichwerder. Sie verlief ursprünglich in Richtung Wriezen parallel zur Reichsbahnstrecke, die Trasse besteht noch, zweigte dann vor der Einfahrt nach Nord-Osten ab und mündete hinter dem Bahnbetriebswerk vorbei gegenüber dem heutigen Fahrdienstleiterstellwerk in den dortigen Kleinbahnhof Wriezen (km 96,3).Das Bahnhofsgebäude ist renoviert und ebenfalls als Wohnhaus genutzt. Wer durch die Kleingärten spaziert, das Gebäude vor Augen, befindet sich auf der alten Oderbruchbahn. Ein findiger Gartenfreund hat das hinter Fliederbüschen verborgene Toilettenhäuschen in eine Gartenlaube verwandelt. Der Eingang zum Fußgängertunnel, der zum Reichsbahnhof führte, ist zugemauert.

Hier endet die Exkursion über die ehemalige Kleinbahn im Oderbruch. Wer diese knapp 100 km lange Route befährt - oder noch besser- bewandert, findet eine der fruchtbarsten Gegenden Deutschlands, in der weite Ebenen von baumbestandenen Alleen durchzogen und Deichen und Wasserläufen eingegrenzt sind .Er findet einen Menschenschlag, der zunächst etwas wortkarg wirkt, dann aber dem Fremden ,der sich für Land und Leute und dabei vielleicht auch für die einstmalige Kleinbahn interessiert, gern auf deren Spuren hilft.

 

 

 

 

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