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Kolonnenbetrieb im Knoten Frankfurt (Oder) 1945 bis 1954

 

Zur Abfuhr der Reparationsgüter aus der sowjetisch besetzten Zone ab Herbst 1945 wurden gemäß Befehl Nummer 4 der Transportabteilung der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD) vom 6. August Lokkolonnen gebildet.

Anfang Dezember stand fest, 30 Kolonnen mit je 30 Lokomotiven und Mannschaften (Brigaden) waren zu formieren. Jede Brigade erhielt ein oder zwei Wohnwagen. Sie musste eine durchgängige Erledigung aller Arbeiten während des Einsatzes gewährleisten. Anfänglich war mit zwölf Mann eine zweischichtige Besetzung vorgesehen. Später wurde mit je drei Lokführern und Lokheizern die Lok dreifach besetzt. Zwei Zugführer und Zugschaffner teilten sich ihre Aufgaben, der Wagenmeister trat bei Bedarf in Aktion. Mit der Einführung des 12er-Systems ab 1952/53 entfiel der Wagenmeister, die Aufgaben übernahm das Zugpersonal. Jeweils zwei Lokführer, Lokheizer, Zugführer und Zugschaffner wechselten einander ab, während eine komplette Schicht eine Woche Urlaub machte.

Zur Unterhaltung der Lokomotiven hatten die Reichsbahnausbesserungswerke Meiningen, Chemnitz, Zwickau und Stendal Ende 1945 die Eisenbahnausbesserungszüge (EAZ) 1 5 und Anfang 1947 die EAZ 16 und 17 aufzustellen. Diese Züge gingen mit Werkstatt- Wohn- und Versorgungswagen und etwa 100 Mann Besatzung auf die Reise und wurden entsprechend den Erfordernissen eingesetzt. In der Regel erfolgte die Aufstellung im Bereich eines Bahnbetriebswerkes. In den ersten Jahren gab es neben den deutschen Kolonnen- bzw. Zugleitern auch sowjetische Kommandanten.

Auf Befehl der SMAD wurde die Lokkolonne 1 »mit dem Stab russischer und deutscher Bediensteten« im November 1945 in das Bahnbetriebswerk (Bw) Frankfurt (Oder) Personenbahnhof verlegt.

Die Frankfurter Brigaden fuhren hauptsächlich auf der Strecke nach Brest, teilweise auf der nördlichen Route über Küstrin-Kietz nach Ilawka (Preußisch Eylau) bzw. Gerdawy (Gerdauen), seltener auf der südlichen Linie über Guben Tomaszow nach Jagodin, Rawa Russkaja, Mostiska oder Nizankowice. (Siehe Hauptabfuhrstrecken für den Transitverkehr).

Die Einsätze dauerten in der Anfangszeit zwei bis drei Wochen. Anfang der fünfziger Jahre genügten auf der Strecke nach Brest fünf bis sechs Tage. Für den Güterverkehr kamen überwiegend besonders ausgewählte Lokomotiven der Baureihe 52 zum Einsatz. Großer Wert wurde auf einen guten Putzzustand gelegt. Die Radreifen bekamen nach sowjetischem Vorbild einen weißen Anstrich.

Die Unterhaltung der Lokomotiven übernahmen vom Januar bis Oktober 1946 der EAZ 4, Anfang 1947 der EAZ 5 und ab April 1949 der EAZ 2. Die Werkstatt- und Gerätewagen standen in der Nähe der Reparaturgleise. Die Wohn-, Küchen- und Versorgungswagen wurden auf dem »Küchengleis« im Bereich der ehemaligen Hauptwerkstatt an der Briesener Straße abgestellt.

Ab 1947 wurden schrittweise Lokkolonnen aufgelöst. Der Rest sollte nun möglichst in Grenznähe zu Polen konzentriert werden. Deshalb wurde der Lokschuppen auf dem Frankfurter Verschiebebahnhof für den Kolonnendienst ausgewählt. Die Bahnhofsanlagen einschließlich Brücken, der Lokschuppen und die Wasserversorgungseinrichtungen waren soweit hergerichtet, dass ein geordneter Lokbetrieb wieder möglich war. Die SMAD erteilte am 19. Juli 1949 die schriftliche Weisung das Bw auf die Instandsetzung der Kolonnenlokomotiven vorzubereiten. Zur Unterstützung der Aufbauphase wurde der EAZ 3 von Berlin-Karlshorst nach Frankfurt verfügt. Es folgten am 9. Oktober die Kolonne 2, am 24. Oktober der EAZ 3, am 23. November der EAZ 16 sowie einige Lokomotiven der Kolonne 7.

Nachdem die Kolonne 8 und der EAZ 2 vom Bw Personenbahnhof umgesetzt waren, nahm das Transit-Bw mit Wirkung vom 21. Dezember 1950 seine Tätigkeit auf. Im Zusammenhang mit der Übernahme der Betreuung konservierter Lokomotiven erfolgte die Unterstellung der Kolonnen 10 in Cottbus und 11 in Hoyerswerda.

In der Anfangsphase gehörten zeitweilig über 2500 Beschäftigte zum Personalbestand. Er unterlag wegen der Zu- und Abordnungen aus anderen Dienststellen im gesamten DR- Netz inklusive der wechselnden Aufgaben starken Schwankungen.

Die Kolonnen 2, 4, 5 und 8 mit 120 Lokomotiven hatten einen Personalbestand für den Fahrdienst von rund 1440 Eisenbahnern. Hinzu kamen etwa 720 Beschäftige der Kolonnen 10 und 11 in Cottbus und Hoyerswerda. Mit Auflösung der Kolonne 11 im Januar 1952 wurden 10 Brigaden mit Lokomotiven direkt nach Frankfurt übernommen. Anfang 1952 waren rund 1650 Mann Besatzung in 138 Brigaden mit insgesamt 130 Lokomotiven für den Transitverkehr und fünf für den Einsatz im Bereich der DDR stationiert. Im Januar 1953 wurden weitere 18 Brigaden mit etwa 200 Arbeitskräften für den DDR-Einsatz aufgestellt. Damit erhöhte sich der Personalbestand im Fahrdienst auf 1885.

Für Leistungen nach Brest standen ständig mehrere Brigaden in Reserve, um jederzeit operativ Exportzüge abfahren zu können. War kein Bedarf in dieser Richtung vorhanden, konnten die Brigaden auch im DR-Netz eingesetzt werden, sie mussten aber sofort wieder verfügbar sein.

Ab 1. Januar 1954 wurden die Reparationsleistungen der DDR eingestellt. An ihre Stelle trat ein vertraglich geregelter Warenaustausch mit der UdSSR. Aus diesem Anlass übernahm die Polnische Staatsbahn ab 1. Juli 1954 bei gleichzeitiger Inanspruchnahme einer Lokhilfe (72 Lokomotiven der Baureihe 52) von der DR die Bespannung der Transporte durch Polen.

 

Lothar Meyer