Frankfurt (Oder) März 2013

 

Manfred Zeidler: aus "Erinnerungen"

Wie wir in der DDR unterstützt wurden und was daraus entstand.

 

Nach dem Musikstudium in Weimar waren meine Frau und ich an der Musikschule in Frankfurt (Oder) tätig (ab 1958, bzw. 1959). Damals hieß es "Kultur aufs Land", d. h. neben der Hauptstelle gab es u.a. Stützpunkte im Kreis Seelow (Seelow, Golzow, Manschnow, Podelzig u.a.).Unsere Unterrichtsarbeit wurde dankbar angenom­men und hat uns viel Freude bereitet. Die von uns gegründeten Musiziergruppen und Einzelschüler gestalteten viele Veranstaltungen in den Orten. Die Gebühr für den Unterricht richtete sich nach dem Einkommen der Eltern und betrug zwischen 12.-- und 120.-- Mark im Jahr(!). Die Regel waren 30.-- bis 60.-- Mark.
Nach einigen Jahren wechselten wir zum Kulturhaus "Völkerfreund­schaft" der Deutschen Reichbahn und unterrichteten im ebenfalls zur Reichsbahn gehörenden Kulturhaus Briesener Straße. Hier ent­standen bald ein Zupfquintett (später Zupforchester) und ein Ak­kordeonorchester. Die Eltern zahlten eine geringe Gebühr. Unter­richts und Probenräume wurden kostenlos zur Verfügung gestellt. Für Schülervorspiele vor den Eltern und Konzerte der beiden En­sembles stand der Saal zur Verfügung. Unsere Gruppen wurden mehrfach mit dem Titel "Hervorragendes Volkskunstkollektiv" ausgezeichnet.
Nun entstand auch eine freundschaftliche Verbindung zum Akkordeonorchester "Dalibor" aus Prag. Insgesamt fanden 10 Gemeinschaftskonzerte in Prag und 9 Veranstaltungen in Frankfurt (Oder) statt. Höhepunkt war ein Auftritt in der Konzerthalle. Freundschaftstreffen fanden im Kulturhaus Briesener Straße statt und wurden von den Mitarbeitern der Reichsbahn hervorragend vorbereitet (Saal, Gastronomie, Disko). Die Prager Orchestermitglie­der wurden von unseren Schülern, bzw. deren Eltern betreut. Für die Konzerte in der CSSR stellte die Reichsbahn einen Bus zur Verfügung. Auch die Prager Eltern nahmen unsere Schüler freund­lich auf.

Das Akkordeonorchester wurde zweimal für die Arbeiterfestspiele nominiert (1980.1988) und hat mit Auftritten in Bernau und Bees­kow offiziell teilgenommen (1988).

Für die Vorbereitung der Höhepunkte ermöglichte die Reichsbahn beiden Ensembles mehrmals Probenlager in Chorin, wo jeweils täglich 6 - 8 Stunden geprobt wurden. Das Akkordeonorchester erhielt 11 Akkordeons (Spitzenmodelle der Klingenthaler Harmoni­kaindustrie). Für die Arbeiterfestspiele gab es 2 E-Pianos im Werte von je 6.000.--Mark:
Auf unsere Anregung wurde in Zusammenarbeit mit dem Kulturzen­trum eine Konzertreihe mit dem Titel "Musik auf Volksinstrumen­ten" ins Leben gerufen. So gastierten Zupforchester aus Berlin und Magdeburg in Frankfurt (0der), Akkordeonorchester kamen aus Leipzig, Klingenthal und Warschau (Quintett). Unsere beiden Orchester traten bis zur Wende in Berlin, Klingenthal, Ma­rienbad, Cottbus, Bernau, Beeskow, Seelow, Manschnow und Gusow auf. Drei Schüler wirkten als Gäste bei Konzerten im deutsch-polnischen Jugendsinfonieorchester mit (auch im Ausland).

Nach der Wende blieben die meisten Schüler weiterhin Mitglieder des Akkordeonorchesters und trugen durch steigende Rou­tine zu dessen Weiterentwicklung bei. So wirkten wir mehrmals bei internationalen Wettbewerben in Innsbruck und Bremerhaven mit und erhielten jeweils das Prädikat "ausgezeichnet", sowie zwei Pokale. Weitere Auftritte fanden in Heilbronn, Hamburg - Eimsbüttel und Berlin - Neukölln statt. In Hamburg sagte der Leiter des dortigen Orchesters: "Die Frankfurter haben bewie­sen, dass man auch im Osten hervorragend Akkordeon spielt. Das Zuhören war eine Freude".

Das Akkordeonorchester 1993 in Bremerhaven

Die Ausbildung in der DDR wirkte also noch einige Jahre fort, obwohl die Nachwuchsförderung nicht mehr im bisherigen Umfang und in der gleichen Qualität möglich war. Die sich verschlechternden Arbeitsbedingungen nach der Wende, vor allem der Weg­fall des Trägerbetriebes, machten uns bewusst, wie wertvoll die Förderung unserer Arbeit durch die Deutsche Reichsbahn war.

Die Entwicklung unserer beiden Ensembles ist in einer mehr­bändigen Chronik festgehalten. U. a. sind viele Zeitungsausschnitte und Fotografien vom Volkskorrespondenten Hans-Werner Funk enthalten.