Das Kulturhaus Völkerfreundschaft (KHV)

Mit der im Jahre 1950 durchgeführten Konzentration aller Lokkolonnen und Eisenbahnausbesserungszüge für den Transitverkehr im Bahnbetriebswerk Verschiebebahnhof (Bw Vbf) Frankfurt (Oder) entstand ein erheblicher Platzmehrbedarf. Nicht nur der Lokschuppen, die technischen Einrichtungen und die Gleisanlagen mussten den neuen Erfordernissen angepasst werden. Bedingt durch das starke Anwachsen des Personalbestandes (zeitweilig bis zu 2500 Beschäftigte) wurden auch außerhalb des eigentlichen Bahngeländes Baumaßnahmen notwendig. In einem ehemaligen Übernachtungsgebäude aus dem Jahre 1914, Birnbaumsmühle 73, wurde die Verpflegungsstelle für die Brigaden mit entsprechenden Kühleinrichtungen, eine Lebensmittelverkaufsstelle, das Betriebsambulatorium (siehe Dienst an der Gesundheit der Eisenbahner) und ein Friseurgeschäft untergebracht. In der unteren Etage wurde ab 1. September 1965 durch das Bw Vbf der polytechnische Unterricht durchgeführt.
Dahinter entstand nach Plänen des Architekten Kurt Brenneisen (MOZ vom 28.05.08) das Reichsbahn-Kulturhaus Bw Vbf. Nach einem Beitrag vom Mai 1954 im »Schienenband der Völkerfreundschaft« waren dafür 1,79 Millionen DM im Plan eingeordnet. Ob das gereicht hat, ist nicht bekannt. Der erste Bauabschnitt mit einem Speisesaal für 300 und einer Küchenkapazität für 600 Personen sowie einer Gaststätte konnte im Mai 1953 fertiggestellt werden. Innerhalb des zweiten . Bauabschnittes kam an der Straße Birnbaumsmühle der große Saal einschließlich der Künstlergarderoben, der Beethovensaal, das Clara-Zetkin-Zimmer sowie eine Bibliothek dazu. Für die Dachaufbauten wurden Stahlkonstruktionen des zerstörten Stettiner Bahnhofes in Berlin verwendet. Der dritte Abschnitt mit Wohnheim, Unterrichtsraum, Sanitäranlagen und Umkleideräumen für das Lokpersonal sowie einem Raum für die Modelleisenbahnanlage gingen im Frühjahr 1954 und die Wäscherei mit den angrenzenden Trockenräumen 1956 in Betrieb. Die Einweihung und die Verleihung des Namens »Kulturhaus Völkerfreundschaft«    erfolgte am 12. Juni 1954. (In den 50er Jahren gab es zur Betreuung der kleinen Dienststellen im Amtsbezirk auch einen Kulturzug mit dem Namen Völkerfreundschaft.)
Trägerdienststelle für die ökonomischen Angelegenheiten war das Bw Vbf. Die kulturellen Aufgaben stellte die Gewerkschaft der Eisenbahn. Es entwickelte sich eine rege Betätigung. Auch nach dem Ende der Transitzeit war das größte Haus der Stadt über Jahrzehnte Treffpunkt für die Eisenbahner und für die Bürger in Frankfurt (Oder).
In der Anfangszeit wurde das KHV überwiegend von der größten Dienststelle, dem Bw Vbf, ausgelastet. Das änderte sich mit den Jahren.
Mit der Bildung der Eisenbahnerversorgungsdienststelle (Ebv) in Frankfurt (Oder) am 01.02.1968 wurden beide Kulturhäuser, KHV vom Bw und Kulturhaus Briesener Straße (KH Brs. Str.) vom Bahnbetriebswagenwerk durch diese neue Trägerdienststelle übernommen. In den folgenden Jahren stellte sich jedoch bald heraus, dass die kleine Ebv nicht die Kraft hatte, notwendige Baumaßnahmen, insbesondere am KHV, vorzubereiten und durchzusetzen. Beide Kulturhäuser wurden deshalb ab 01.01.1976 dem Bw Fko (1968 wurden die Frankfurter Bahnbetriebswerk und das Bw Wriezen zusammengelegt) zugeordnet.
Alle Einnahmen aus Vermietungen und Bereitstellung von technischen Anlagen und Einrichtungen an Fremde, sowie Einnahmen aus dem Volkskunstschaffen und der Zirkeltätigkeit waren auf ein festgelegtes Konto abzuführen. Dienststellen der DR, die mit dem Kultur- und Sozialfonds der Rbd Berlin in Verbindung standen, zahlten keine Miete.
Nach Zeitzeugenaussagen entwickelte sich der jährliche Zuschuss für das KHV von rund 90 Tausend Mark (TM) Anfang der 60er auf rund 160 TM bis Ende der 80er Jahre.

Veranstaltungen vom Reichsbahnamt Frankfurt (Oder), den Dienststellen des Dienstortes und teilweise auch von der Reichsbahndirektion Berlin (Rbd Bln) unter anderem für:
-- Feiern zum Tag des Eisenbahners (1972, 1974, 1984, 1989)
-- Rechenschaftslegungen (1954)
-- Auszeichnungen (1969, 1974 Einmarsch, Gratulation, 1976)
-- Betriebsfeste (Karneval, Bordfest)
-- internationale Begegnungen (1977, 1978, 1983)
-- Brigadefeiern (Lu und Lb Verwaltung und Lok 38 2644)
-- Jubiläen und Verabschiedungen (1956,1958,1984)
-- Versammlungen der Organisationen (Jugend)

Veranstaltungen, die durch das KHV organisiert und angeboten wurden:
-- Familiennachmittage, bei denen die Kinder extra betreut wurden
-- Jugendtanzveranstaltungen (Kapelle)
-- Jugendkonzerte u.a. mit »Karat« den »Pudhis« und andere Gruppen
-- Eisenbahnrentner-Nachmittage mit Kulturprogrammen
-- Neujahrsball für Schichtarbeiter
-- Ökonomisch-kulturelle-Leistungsvergleiche (Ökulei)
-- Namensgebungen
-- Jugendweihe (1972)

Veranstaltungen wurden auch durch fremde Betriebe, die kein Kulturhaus hatten, wie zum Beispiel vom Halbleiterwerk, dem VEB Bau oder der Energieversorgung durchgeführt. Das Kulturzentrum Frankfurt (Oder) organisierte im KHV Jugendkonzerte und Jugendtanzveranstaltungen. Besondere Höhepunkte waren die internationalen Tanzturniere, die regelmäßig durchgeführt wurden. Sie waren stets ausverkauft.
Auch für Filmaufnahmen wurden die Räume mehrmals vermietet.

Volkskunstgruppen, die von Anfang an bestanden und regelmäßig gearbeitet haben:
-- Reichsbahn Blasorchester (Bartig, Text, Marschmusik, Platzkonzert)
-- Akkordeonorchester 1956
-- Akkordeonquintett
-- Akkordeonorchester Manfred Zeidler
-- Zupfquintett Annelore Zeidler
-- Mandolinenzirkel
-- Kinderchor
-- Modelleisenbahnzirkel

-- Manfred Zeidler: aus "Erinnerungen"

Auftragskunst für Gemälde durch das Bahnbetriebswerk Rbf
Drei Bilder waren im Treppenbereich zum ersten Stock des Kulturhauses ausgestellt. Ein Bild zum Traktionswechsel. Es entstand in den 60er Jahren. Der Künstler ist nicht bekannt. Ein Porträt des Lokführers Heinz Würger vom Kunstmaler Günter Neubauer Frankfurt (Oder) angefertigt 1980 (A.G. Schuchardt schrieb 1981 in der Fahrt frei Nr.2: » Ein Bild, dessen Kühnheit verblüfft, aber auch unsere Bewunderung fordert. Zweifellos zählt dieses originelle Porträt zu den besten Eisenbahnbildnissen, die je geschaffen wurden.«)
 und ein Porträt vom Lokheizer Erich Morche malte der Kunstmaler Siegfried Korth aus Groß Lindow 1984. Eine Bestätigung für die Existenz gibt es zurzeit vom Frankfurter Kulturbüro nur für das Bild vom Lokführer Würger.

Baumaßnahmen und Veränderungen
Ab Mitte 1975 wurden die Dächer des gesamten Kulturhauskomplexes bis hin zum Bauabschnitt 3 für 90 TM neu eindeckte. Das Dach des ehemaligen Übernachtungsgebäudes (Birnbaumsmühle 73) kam 1989/90 dran.
Nachdem die Bibliothek neue Räume im Bauabschnitt 3 bezogen hatte, konnte im April 1976 in der zweiten Etage das neue Traditionszimmer der DR Dienstort Frankfurt (Oder) eröffnet werden. Viele Besucher nutzten in der Folgezeit die Möglichkeit, sich mit der Eisenbahngeschichte unserer Oderstadt vertraut zu machen. Eintragungen in Russisch, Polnisch und Deutsch in das Gästebuch bestätigen dies.
Am 7. Juni 1978 wurde die 64 317 als Denkmallokomotive auf dem Platz vor dem Kulturhaus aufgestellt. Sie wurde ein Anziehungspunkt für Jung und Alt und ein wichtiges Fotoobjekt für die Besucher.
Mitte 1986 erfolgte nach Umstellung der gesamten Heizanlage des KHV die Versorgung mit Fernwärme vom 1985 fertiggestellten gemeinsamen Heizhaus Metallleichtbaukombinat/Bahnbetriebswerk/OGS. Die Eigenversorgung mit der Gliederheizkesselanlage ging außer Betrieb. Vorübergehend war ein provisorischer Heizcontainer in Betrieb.

Die ursprünglich vom Projektanten des KHV vorgesehene Versorgung des Saales von der vorhandenen Küche aus entsprach nicht moderner Technologien und war nur mit erheblichem Aufwand realisierbar.
Um diesem Mangel abzuhelfen, entstand im Foyer ein Getränkeausschank, der zunächst behelfsmäßig, später durch eine Mauer, abgeteilt war.
Der Verkauf von Imbisswaren und Kaffee erfolgte aus einem Teil der Garderobe. Versuche, diesen Zustand durch ordentliche Umbauten abzustellen, scheiterten an fehlender Baukapazität.
Neue Möglichkeiten eröffneten sich, als die 22. Arbeiterfestspiele in Frankfurt (Oder) für 1988 vorbereitet wurden.
Auf der Grundlage entsprechender Beschlüsse des Rates des Bezirkes und der Stadt Ffo im Jahre 1984 wurde im Plan zur Vorbereitung der Arbeiterfestspiele für die Saalrekonstruktion KHV einschließlich Versorgungsanbau ein Wertumfang von drei Millionen (Mio) Mark vorgesehen. Die Grundsatzentscheidung für dieses Investvorhaben fällte der Präsidenten der Rbd Bln mit Wirkung vom 30. 01. 1987.

Ausgeführte Arbeiten bis Juni 1988

  1. Errichtung eines Versorgungsanbaues mit Endküche und Bierkeller
  2. Umgestaltung der Bühne einschließlich Orchestergraben
  3. Alle Decken- und Wandverkleidungen sowie Entlüftungskanäle wurden erneuert und damit die Brandlast erheblich verringert
  4. Der Regieraum wurde in den ehemaligen Filmvorführraum verlegt und die gesamte Tontechnik erneuert
  5. Die gesamte elektrische Anlage wurde neu gestaltet und ein Bühnenlichtstellwerk installiert
  6. Die Decken- und Seitenbeleuchtungskörper wurden mit Hilfe von vorgefertigten Teilen von Handwerkern der DR selbst angefertigt und angebaut
  7. Vor allen Saalfenstern wurde ein Fenster davorgesetzt, sodass Doppelfenster entstanden
  8. Parkett und Fußbodenbelag wurden erneuert
  9. Abriss des provisorischen Ausschankraumes und Neugestaltung des Foyers einschließlich der Garderoben und der Fußbodenplatten
  10. Umgestaltung der Künstlergarderoben und Probenräume
  11. Neugestaltung der Eingangszone und des Vorplatzes (ohne Stahl­aluminiumtüren, sie wurden bereits früher eingebaut)
  12. Ausstattung der genannten Räume mit neuem Mobiliar. Bei der Abrechnung aller Maßnahmen ergab sich ein Kostenaufwand von rund 4 Mio Mark. 

Die Umgestaltung des Saales erfolgte nach den Plänen des Architekten
Dietrich Kloppsteck.
Am 25. 06. 1988 fand der Ball der Mikro-Elektroniker des Halbleiterwerkes Frankfurt (Oder) und am 29. 06. 1988 eine Dankeschön-Veranstaltung mit allen beteiligten Bauleuten statt. Ein für den 26. 06. 1988 im Rahmen der Arbeiterfestspiele vorgesehener Beitrag des Chemiefaserwerkes Guben fiel auf Entscheidung des Organisations-Büros aus. Damit gab es für den eigentlichen vorgeschobenen Anlass zur Rekonstruktion nur eine Veranstaltung am 25. Juni. Viel wichtiger aber waren aus damaliger Sicht die Baumaßnahmen zur Erhaltung und Modernisierung des Kulturhauses als Voraussetzung für eine weitere sinnvolle Nutzung durch die Eisenbahner und Bürger unserer Stadt.

Doch es kam anders!
Ein besonderer Höhepunkt war noch einmal die Festveranstaltung anlässlich der Elektrifizierung der Strecke Fürstenwalde – Frankfurt (Oder) – Eisenhüttenstadt – Guben – Cottbus am 15. Dezember 1990.
Am 31. 12.1990 wurde die letzte Silvesterveranstaltung und danach im Januar nach alter Tradition noch ein Neujahrsball für Schichtarbeiter durchgeführt. Weitere hauseigene Veranstaltungen im 1. Quartal 1991 waren nur noch bei Anwendung strenger Sparmaßnahmen gestattet.
Am 13. Juni 1991 wurden alle Kulturhausleiter der Rbd Berlin über die weitere Entwicklung informiert. Für Frankfurt (Oder) war festgelegt: Das KHV wird von der Abteilung Immobilien vermarktet. Die Bibliothek ist bis zum 31. August 1991 aufzulösen und die Bücher an das Kinderferienlager abzugeben oder zu verkaufen. Das KH Brs. Str. bleibt vorerst bestehen.
Danach durften nur noch Vermietungen entsprechend vorhandener Verträge erfolgen. Die letzte Veranstaltung fand am 11. Oktober 1991 statt. Es folgte das Leerräumen im Zuständigkeitsbereich. Ab 1. Januar 1992 ging der Kulturhausleiter Hosenfelder in Vorruhe. Der Schlosser Wedler, der in unmittelbarer Nähe des KHV ein Grundstück hatte, bekam zwei weitere Mitarbeiter vom Bahnbetriebswerk zur Seite. Sie betreuten das KHV bis zur Übergabe.

Anfang 1992 übernahm der neue Mieter das Haus. Ein Schild unterhalb der Fenster des Beethovensaales verkündete zur Straßenseite: »Hier entsteht Ostdeutschlands modernstes MULTI-MEDIA-ZENTRUM LOKKKK.« Im Herbst ´92 sollte die Eröffnung sein. Teile der für die Arbeiterfestspiele neu geschaffenen Einrichtungen waren bereits zurückgebaut. Fleißig wurde in der MOZ geworben, für eine Baustellenparty und für den Sommergarten. Doch die Frankfurter Bürger hatten zu dieser Zeit andere Probleme. Ein ehemaliger Eisenbahner erinnerte sich treffend zu dieser Entwicklung im Stadtboten vom 1. Februar 2003: »Kaum war das Objekt verpachtet, begann ein sinnloser Abriss. Die Beleuchtung wurde herausgerissen, das neue Parkett zerstört, eine moderne Küche zerkloppt, die Bühne zur Hälfte entfernt. Dann ging die Firma Pleite. Und das Haus steht seitdem leer.« Auch das Foyer ist nicht wieder zu erkennen.
Am 13./14. Oktober 1995 erfolgte die Umsetzung der 64 317 zum Frankfurter Personenbahnhof Gleis 1, weil das Kulturhaus vermarktet werden sollte. Der 1955 gegründete Modelleisenbahnzirkel erhielt zum 31. Oktober 1999 von der DB die Kündigung.
In der MOZ vom 5/6 September 1998 wurde das Haus noch einmal zum Verkauf angeboten. Als Mindestangebot waren 7,45 Mio Mark gefordert.
Der Hinweis: »... 20er Jahre ...« ist natürlich falsch. Trotzdem hatten die Werbemaßnahmen keinen Erfolg. Das Kulturhaus, das seit 25.November 1987 unter Denkmalschutz steht, hat immer noch keinen neuen Betreiber.
Inzwischen ist die Natur dabei, das Gelände, das vor dem Bau des Kulturhauses Gartenland war, zurückzuerobern. Vor und hinter dem Gebäude wachsen inzwischen Bäume.
Erfreulich ist, dass die Bushaltestelle »Völkerfreundschaft« weiterhin an das vielseitig im Sinne der Völkerverständigung genutzte Haus erinnert.

August 2011 wurde das Kulturhaus vom Bundeseisenbahnvermögensamt verkauft

Schnappschüsse (Kellerbar, Gruppenbild, Reservestube, Klich, Gäste, Poznan, Treppenflur, Wehlam, Preuße, Henninger, Jeschke, Eberhard, Vorbereitung, Betriebsfeier)
Veranstaltungsplan von 1960

Kulturhausleiter waren:
Herr Zentner 1954 bis ca 1959,
Kurt Schulz als Vertreter 1959 bis 15.11.1961,
Rolf Johst 16.11.1961 bis15.07.1963,
Manfred Schuster 16.07.1963 bis 31.07.1969,
Rolf Johst 01.08.1969 bis 14.02.1974,
Arno Hauer 15.02.1974 bis 1975,
Hans Hosenfelder 1975 bis Dezember 1991       

Erich Burkert – Grafiker 1958 bis 1990

Abkürzungsverzeichnis:
Ebv            Eisenbahnerversorgung
Lu              Lokunterhaltung
Lb              Lokbetrieb
MOZ          Märkische Oderzeitung
OGS          Obst-Gemüse-Speisekartoffeln
VEB           Volkseigener Betrieb

Autor: L. Meyer mit Unterstützung der Zeitzeugen H. Hosenfelder und R. Johst