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Vor 60 Jahren - Die Reichsbahn improvisiert

Wir blicken zurück auf das Jahr 1944. Der Krieg ist für Deutschland definitiv verloren. Not und Elend sind allgegenwärtig. aber offiziell wird weiter vom "Endsieg" und der "Wunderwaffe " gesprochen und "Räder müssen rollen für den Sieg".
Alliierte Luftangriffe haben Deutschlands Städte schwer gezeichnet. Industrieanlagen aller Art vernichtet und eben auch Bahnanlagen verheerend getroffen. Ist das "einfache" Gleis draußen auf der freien Strecke noch relativ leicht wieder herzustellen, ist dies bei Fernmeldeanlagen, Signalen, Stellwerken, Brücken, Empfangsgebäuden, Gleisanlagen der Bahnhöfe, Lokschuppen und Werkstätten schon erheblich schwerer. Es fehlt nicht nur an einer ausreichenden Menge an Ersatzteilen und Baumaterialien, sondern auch an einer geordneten Logistik für die Instandsetzung. Improvisation ist das Gebot der letzten Wochen und Monate des Krieges.
"Nur für den Dienstgebrauch" erscheint im Dezember 1944 die Schrift "Die Deutsche Reichsbahn improvisiert", herausgegeben vom Reichsverkehrsministerium / Pressedienst. Anhand von 11 bebilderten Beispielen wird gezeigt, wie man bei entstandenen Schäden schnell Abhilfe schaffen kann.
Ich habe 6 Situationen ausgewählt, die es mir Wert erscheinen ließen, hier vorgestellt zu werden. Von den Erläuterungen zu den einzelnen Bildern, die zum Teil etwas propagandistisch und militärisch ehrgeizig sind, zitiere ich nur die Textteile, die sachliche Auskünfte geben. Der oder die Verfasser der Texte sind nicht genannt; Zeichner der Abbildungen dürfte der Reichsbahnoberrat Robert Schindler (Jahrgang 1903) sein.
Das Heft hat sich vermutlich an die Praktiker im Bau- und Betriebsdienst gerichtet, um Anregungen der eigenen Improvisation zu geben.
Improvisiert wurde dann auch weiterhin in den Jahren nach Kriegsende, ehe sich im Verlauf der 50er und 60er Jahre der Normalzustand wieder eingestellt hatte.
So wird vielen von uns Älteren, die sich beruflich oder aus Interesse mit der Eisenbahn beschäftigten, manches auf den Zeichnungen sehr bekannt vorkommen. Vielleicht hat jemand selbst solche Improvisationserfahrungen gemacht, von denen er berichten kann.

 

Signalanlagen

"Zur Regelung der Zugfolge wird die Strecke in Abschnitte eingeteilt. In einem solchen Abschnitt darf sich jeweils nur ein Zug befinden. Bei einer weniger dichten Zugfolge genügt es, als Begrenzung  dieser Abschnitte Bahnhöfe zu wählen. Die Züge fahren dann im Bahnhofsabstand. Bei dichter Zugfolge muss die Strecke in weitere Abschnitte unterteilt werden, und diese einzelnen Streckenabschnitte, "die Blockstrecken", werden durch Blockstellen begrenzt. Der in der Blockstelle befindliche Zug wird durch ein Hauptsignal  (Ausfahr- oder Blocksignal) gegen folgende Züge gedeckt.
Wenn die Blockstellen durch Zerstörung oder Beschädigung unbrauchbar werden, fällt auch die weitere Unterteilung der Strecke zur Verdichtung der Zugfolge weg,  die Streckenleistung sinkt. Für diesen Fall sind bewegbare Blockstellen geschaffen worden,  die jederzeit aufgestellt werden können. Die Blockstelle selbst besteht aus einer zerlegbaren Bude und für jede Fahrtrichtung aus einem Hauptsignal und einem Vorsignal. Die Bude kann in kürzester Zeit aufgestellt werden. Die Hauptsignale werden unmittelbar an den Schienen befestigt und werden von Hand bedient. Die Vorsignale, die in der durch die Bau- und Betriebsordnung festgelegten Entfernung vom Hauptsignal ebenfalls an den Schienen festgeschraubt sind, werden elektrisch betätigt. Der Generator zur Stromerzeugung steht in der Blockbude. Dadurch, dass alle Teile einfach und leicht gestaltet sind, wird es möglich, die gesamte Blockstelle innerhalb 1 bis 2 Stunden betriebsbereit hinzustellen.

Wenn Haupt- und Vorsignale ausfallen, werden Hilfstageslichtsignale verwendet. diese Signale haben am Fuß ein zylinderförmiges Gefäß, das mit Propangas gefüllt ist, mit dem die Lampen gespeist werden. Derartige Signale werden von örtlichen Posten auf Weisung der Fahrdienstleiter gestellt.

 

Sicherungsanlagen

"Die Reichsbahn hat ....fahrbare Stellwerke gebaut, die an Stelle zerstörter Anlagen eingesetzt werden. Die einzelnen Bauelemente eines Stellwerks sind in Kriegswagen der Deutschen Reichsbahn eingebaut. Alles ist vorhanden, was für den Betrieb nötig ist, angefangen vom Hebelwerk bis zum Fernsprecher. Wenn die ortsfeste Anlage zerstört ist, werden zunächst nur die Gleise hergestellt und das fertig eingerichtete Stellwerk herangefahren. An Ort und Stelle wird der Wagen auf einem Schwellenstapel aufgebockt und das Stellwerk an die Außenanlage angeschlossen. Bei der Reichsbahn sind Kraftstellwerke und mechanische Stellwerke im Betrieb. Dementsprechend wurden auch beide Bauarten fahrbar gemacht. Das Kraftstellwerk, bei dem die Weichen und Signale auf elektrischem Weg mit Strom betätigt werden, kann in 3 bis 4 Tagen betriebsfertig angeschlossen werden. Das mechanische Stellwerk, bei dem zur Kraftübertragung Seil- und Drahtzüge verwendet werden, kann in 4 bis 5 Tagen die Aufgabe der zerstörten Anlage übernehmen.

 

 

Verkehr

 

(Die Reichsbahn versuchte), “Notfahrkartenausgaben durch den Einsatz von zerlegbaren Baracken zu schaffen. Baracken und Arbeitskräfte zu Aufstellung stehen aber nicht immer und vor allen Dingen nicht so schnell zur Verfügung, wie es zur Abwicklung des Verkehrs nötig ist. Die Reichsbahn hat daher fahrbare Fahrkartenausgaben gebaut. An einigen Bahnhöfen wurden Güterwagen zu Verkaufsstellen hergerichtet und bei Bedarf eingesetzt; andere Bahnhöfe benutzen hierzu Omnibusse, die im öffentlichen Verkehr nicht mehr verwendbar sind. In den fahrbaren Fahrkartenausgaben werden fertig gedruckte Fahrkarten und Blankokarten ausgegeben. Bei Bedarf wird durch Telegramm Auftrag zum Druck der Fahrkarten gegeben und gleichzeitig ein Bote zum Abholen der Fahrkarten in Marsch gesetzt.

Die Notfahrkartenausgaben haben sich so bewährt, dass sie auch in Friedenszeiten bei Massenveranstaltungen verwendet werden können.

 
 

Werkstätten und Bau

 

„Dächer, insbesondere die Hallendächer von Fabriken, sind gegen Luftangriffe sehr empfindlich. Sie werden durch den Luftdruck abgedeckt und brennen leicht. Sprengbomben zerstören auch eiserne Dachbinder und Dachstützen.. Die Gleisanlagen, Untersuchungsgruben und Werkzeugmaschinen dagegen sind meist weniger beschädigt und können nach  Wegräumen des Schutts wieder in Betrieb genommen werden. Die Arbeitsstätten, hauptsächlich aber die Werkzeugmaschinen, müssen gegen Witterung geschützt werden.

Die Wiederherstellung des gesamten Daches kostet viel Baustoff und Zeit, daher werden Behelfsdächer gebaut. Hierzu werden alle irgendwie verwendbaren Teile des zerstörten Daches herangezogen. Angebrannten  Balken und Bretter, Blechteile und Dachpappfetzen, alte Rohre von Lokomotivkesseln und ausgeglühte Träger dienen als Baustoff für Dächer, unter deren Schutz die Arbeit nach kürzester Zeit wieder aufgenommen wird. Wo Mauerteile herzustellen sind, werden alte Ziegelsteine verwendet, die von Hand oder mit Ziegelputzmaschinen gereinigt werden. Fehlen wieder verwendbare Ziegel, so werden aus dem Bauschutt mit Hilfe von Brecher- und Mischanlagen neuen Rohstoffen gewonnen und durch Zusatz von Bindemittel zu Steinen verarbeitet. Aus Lokomotivschlacke werden Schlackesteine und aus Sägespänen mit Zementzusatz werden Platten geformt.

Einen Rohstoff aber, der unerschöpflich zur Verfügung steht, verwendet die Reichsbahn seit langer Zeit in großem Umfang, den Lehm. …Unterkünfte und Dienstgebäude wurden und werden erstellt und hierbei alle Arten der Lehmbauweise mit wachsendem Erfolg erprobt. Darüber hinaus werden aber dauernd neue Wege beschritten und Möglichkeiten gesucht, den Lehm noch zu verfestigen, so dass auch größere Gebäude in Lehnbauweise erstellt werden können.

 

Instandsetzung

 

Nach zusammengefassten Angriffen auf Gleisanlagen sind nicht nur Gleisanlagen sind nicht nur Gleise und Schwellen in großem Umfang zu erneuern, sondern auch das Planum, auf dem Schotterbett, Schwellen und ‚Schienen liegen, ist wiederherzustellen. Wollte man die Bombentrichter von Hand einebnen, so wären hierfür viele Arbeitskräfte und mehr Zeit nötig, als mit Rücksicht auf die schnelle Instandsetzung der Bahnanlagen zu Verfügung steht.  Die Reichsbahn hat daher mit Behelfsmitteln ein Gerät geschaffen, mit dem ein umgepflügtes Gelände sehr schnell wieder eingeebnet werden kann. Beutepanzer, die militärisch nicht mehr brauchbar sind, erhielten eine Vorrichtung, mit der die Erdhügel in die Bombentrichter geschoben werden.

Bei Verwendung großkalibriger Bomben entstehen Trichter, zu deren Auffüllung viel Material nötig ist. Wenn mehrere Trichter vorhanden sind, kann das Füllmaterial nicht so schnell herbeigebracht werden, wie die Gleise verlegt werden müssen. Die Bombentrichter werden daher überbrückt. Hierzu werden die Ränder der Bombentrichter in der Gleisachse so hergerichtet, dass ein Stapel aus Eisenbahnschwellen aufgebaut werden kann, der als Aufleger für die Brücke dient. Die Brücke selbst besteht aus Profileisen, deren Größe sich nach Spannweite und Belastung der Brücke richtet. Vor Kopf der Behelfsbrücke werden Schwellen zur Aufnahme des Schubes, der durch die Bremskräfte entstehen eingebaut. …

An Stelle eiserner Behelfsbrücken werden auch genagelte Holzträger verwendet….sie bestehen aus einem Gerüst von Balken, die mit Stahlbolzen zusammengehalten werden. Das Gerüst ist mit Brettern beiderseits genagelt. Je zwei dieser zweiwandigen Tragwerke  werden durch Quervernagelung mit Brettern oder Bohlen zu einem Trageelement zusammengeschlossen, so dass je Schiene ein vielwandiger allseits geschlossener Träger entsteht, der leicht mit Hilfe eines Kranes ein- und ausgebaut werden kann…

 

 

 

 

 

Verfasser: Hans-Wolfgang Harden